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Wissen & Technik · Klimawandel im Meer

IUCN warnt vor Kollaps fast aller Korallenriffe

Die Weltnaturschutzunion sieht 96 Prozent der Flachwasser-Korallenriffe weltweit in höchster Gefahr. Bis 2075 könnten viele Riffsysteme zusammenbrechen.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Ein Korallenriff im warmen Flachwasser steht unter wachsendem Klimastress.
Symbolbild: Ein Korallenriff im warmen Flachwasser steht unter wachsendem Klimastress. KI-generiert

Die Weltnaturschutzunion IUCN sieht fast alle Flachwasser-Korallenriffe weltweit in akuter Gefahr. In einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse stuft die Organisation 96 Prozent der bewerteten Riffsysteme in die höchste Gefährdungskategorie ein. Ohne deutlich gebremste Erderwärmung droht ihnen demnach bis 2075 ein Kollaps. Untersucht wurden Riffe vor mehr als 80 Ländern und Gebieten; bei vier Systemen reichten die Daten nicht für eine Bewertung.

Erste globale Bewertung dieser Art

Die IUCN führt neben ihrer bekannten Roten Liste bedrohter Arten auch eine Rote Liste der Ökosysteme. Dort werden Lebensräume danach beurteilt, wie groß ihr Risiko ist, ihre ökologische Funktion zu verlieren. Die neue Bewertung betrifft 127 Flachwasser-Korallenriffe. Gemeint sind die farbigen Riffsysteme bis etwa 40 Meter Tiefe, in denen wegen Licht, Wärme und Nährstoffkreisläufen besonders viele Arten leben.

Zu den betroffenen Regionen gehören Teile des Great Barrier Reef vor Australien, Riffe im Roten Meer, das mesoamerikanische Riffsystem sowie Gebiete im Korallendreieck zwischen westlichem Pazifik und Südostasien. Die IUCN spricht für den überwiegenden Teil der Systeme von einem „extrem erhöhten Risiko“. Die höchste Kategorie bedeutet, dass ein Ökosystem seine prägenden Strukturen und Funktionen verlieren kann.

Korallenriffe schützen Küsten vor Wellen und Erosion, speichern Kohlenstoff und bilden Lebensräume für zahlreiche Meerestiere. Nach Angaben der IUCN leben rund ein Viertel aller Meeresarten zumindest zeitweise in solchen Systemen. IUCN-Generaldirektorin Grethel Aguilar sagte, Korallenriffe zeigten „so klar wie kaum etwas anderes“ den Zustand der Ozeane. Eine Erholung sei noch möglich, erfordere aber „entschlossenen Klimaschutz“.

Hitzestress lässt Korallen ausbleichen

Der wichtigste Treiber der Gefährdung ist die Erwärmung der Meere. Korallen reagieren empfindlich auf steigende Wassertemperaturen. Wird es zu warm, verlieren sie Mikroalgen, die in ihrem Gewebe leben. Diese Algen liefern ihnen Energie und geben vielen Riffen ihre Farbe. Ohne diese Partner bleichen Korallen aus; hält der Stress an, können sie absterben.

Für ihre Prognose nutzten die Fachleute ein mittleres Klimaszenario des Weltklimarats IPCC. Es geht von einer globalen Erwärmung um etwa 2,7 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Das internationale Ziel, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, gilt inzwischen als kaum noch erreichbar.

Neben Hitze setzen weitere Belastungen die Riffe unter Druck. Die IUCN nennt Überfischung, etwa in Teilen Ostasiens, der Karibik und Brasiliens. Fehlen Arten wie Papageienfische oder Zackenbarsche, können Algen stärker wachsen. Das erschwert geschädigten Riffen die Regeneration. Auch Küstenbau, Verschmutzung und intensiver Tourismus können Korallen zusätzlich schwächen.

Erholungszeiten werden kürzer

Das Global Coral Reef Monitoring Network hatte bereits auf eine gefährliche Entwicklung hingewiesen: Riffe können sich nach Stressereignissen zwar grundsätzlich erholen, benötigen dafür aber ausreichend Zeit. Zwischen 2017 und 2019 nahm die weltweite Bedeckung mit Hartkorallen um rund sechs Prozent zu. Dieses Wachstum zeigt, dass Regeneration möglich ist.

Die Abstände zwischen schweren Bleichen werden jedoch kleiner. Früher konnten zwischen solchen Ereignissen teils Jahrzehnte liegen. Heute bleiben vielen Riffen nur noch fünf bis sechs Jahre. Nach besonders intensiven Hitzewellen im Jahr 2024 könnte diese Pause mancherorts noch kürzer ausfallen. Das Klimaphänomen El Niño verstärkt die Sorge vor zusätzlicher Wärmebelastung.

Manuel González Rivero vom Australian Institute of Marine Science beschreibt die Entwicklung als „Abwärtsspirale“. Besonders beunruhigend sei nicht nur der aktuelle Verlust von Hartkorallen, sondern dass die Voraussetzungen für eine Erholung immer weiter beschädigt würden.

Was ein Kollaps der Riffe bedeutet

Bricht ein Riff zusammen, verschwindet vor allem sein hartes Korallengerüst. Algen und Schwämme können sich ausbreiten, während der vormals komplexe Lebensraum verarmt. Viele Tiere verlieren dann Nahrung, Schutz oder Fortpflanzungsorte. Betroffen sein können unter anderem Muscheln, Seegurken, Rifffische, Meeresschildkröten und Haie.

Die IUCN stellte die Analyse bei der Weltnaturkonferenz COP17 in Eriwan vor. Die Bewertung reiht sich in eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Warnungen ein, dass die Erwärmung der Ozeane nicht nur einzelne Arten, sondern ganze Lebensräume verändert. Für Korallenriffe entscheidet vor allem die Geschwindigkeit des Klimaschutzes darüber, ob sich geschädigte Systeme noch stabilisieren können.