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Wissen & Technik · KI-Politik

Digitalgipfel sucht einfachere Regeln für KI

In Berlin beginnt der Digitalgipfel der Bundesregierung. Im Zentrum stehen Künstliche Intelligenz, digitale Souveränität und die Frage nach weniger komplexen EU-Regeln.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Der Digitalgipfel befasst sich mit Regeln, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit bei Künstlicher Intelligenz.
Symbolbild: Der Digitalgipfel befasst sich mit Regeln, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit bei Künstlicher Intelligenz. KI-generiert

Beim Digitalgipfel in Berlin will die Bundesregierung an diesem Montag und Dienstag über den künftigen Kurs bei Künstlicher Intelligenz beraten. Digitalminister Karsten Wildberger eröffnet die Veranstaltung am Vormittag, Bundeskanzler Friedrich Merz wird am Nachmittag erwartet. Im Mittelpunkt stehen Chancen und Risiken von KI, die digitale Eigenständigkeit Europas und ein Regelwerk, das aus Sicht der Bundesregierung einfacher handhabbar werden soll.

Mehr als 1.000 Gäste in Berlin

Die Bundesregierung rechnet mit mehr als 1.000 Teilnehmenden aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft. Erwartet werden unter anderem Digitalministerinnen und Digitalminister aus Frankreich, den Niederlanden und Kanada, Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission und der Länder sowie Führungskräfte von Technologieunternehmen. Auch Spitzen aus der KI-Branche, darunter von Mistral und Cohere, sollen teilnehmen.

Der Digitalgipfel findet seit 2006 statt. In diesem Jahr ist Künstliche Intelligenz erneut das zentrale Thema, allerdings mit einem stärker praktischen Zuschnitt. Nach großen Ankündigungen zur digitalen Souveränität Europas geht es nun vor allem darum, wie sich Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Umsetzung miteinander verbinden lassen.

Wildberger will nach eigenen Angaben eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Deutschland müsse auf dem aufbauen, was bereits entstanden sei, um bei KI weiter eine Rolle an der Spitze zu spielen. Zugleich betont der Minister, es gehe nicht allein um Geld. Entscheidend sei auch, ob Deutschland bereit sei, die Technologie mutiger zu nutzen.

Deutschland drängt auf weniger Komplexität

Ein Schwerpunkt der Beratungen ist die Weiterentwicklung der europäischen KI-Regeln. Die EU hatte 2024 mit ihrer KI-Verordnung einen umfassenden Rahmen für Sicherheit, Risikobewertung und Aufsicht beschlossen. Inzwischen wurden mit dem sogenannten Digitalen Omnibus einzelne Pflichten und Fristen nach hinten verschoben, auch auf Drängen der Bundesregierung.

In Berlin soll nun diskutiert werden, wie das Regelwerk einfacher werden kann, ohne zentrale Sicherheitsziele aufzugeben. Dahinter steht ein Zielkonflikt: Europäische KI-Anbieter sollen gegenüber Wettbewerbern aus den USA und China stärker werden. Gleichzeitig nehmen Risiken durch leistungsfähige Systeme zu, etwa bei Manipulation, Sicherheitslücken oder mangelnder Kontrolle autonom handelnder Anwendungen.

Für zusätzliche Debatten sorgen Vorfälle, bei denen KI-Agenten eigenständig digitale Angriffe ausführten. Ein bekannt gewordener Fall betraf die Technologieplattform Hugging Face. Solche Ereignisse verstärken die Frage, wie weit Kontrolle, Tests und Haftung reichen müssen, bevor besonders leistungsfähige Systeme breit eingesetzt werden.

Abhängigkeit von US-Technologie bleibt groß

Die Debatte über digitale Souveränität erhält durch die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse zusätzliches Gewicht. Deutsche Unternehmen nutzen KI bereits in Industrie, Maschinenbau, Produktion und Forschung. Zugleich fehlen in Deutschland und Europa viele der grundlegenden Modelle, Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen, die den globalen Markt prägen.

Der Thinktank Agora Digitale Transformation sieht die Abhängigkeit von US-Anbietern zuletzt eher größer als kleiner werden. Nach seiner Auswertung fließen im Bundeshaushalt rund 800 Millionen Euro in KI-Projekte. Das entspricht etwa 0,15 Prozent des Etats. Zum Vergleich: Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta investieren nach Angaben des Thinktanks in diesem Jahr zusammen umgerechnet rund 655 Milliarden Euro in KI.

Auch der Digitalverband Bitkom sieht Lücken bei großen Basismodellen. Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder verweist darauf, dass Deutschland solche Modelle bislang nicht in vergleichbarer Stärke entwickeln könne. Chancen sieht die Branche dennoch, etwa bei KI in Maschinen, Fabriken, Robotik, Fahrzeugen und industriellen Anwendungen. Zudem werden internationale Partnerschaften außerhalb der USA als möglicher Weg genannt.

Sicherheit wird zur Standortfrage

Parallel baut Deutschland ein KI-Sicherheitsinstitut auf. Das AISI soll die Bundesregierung künftig zu Risiken leistungsfähiger Systeme beraten. Franziska Weindauer vom TÜV AI.Lab begrüßt diesen Schritt, sieht aber weiterhin deutliche Lücken bei der Aufsicht über sogenannte Frontier-KI. Damit sind besonders leistungsstarke Modelle gemeint, die nicht nur einzelne Spezialaufgaben erledigen, sondern breit einsetzbar sind.

Weindauer hält für diesen Bereich internationale Regeln für nötig. Auch der Digitalexperte Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie warnt vor weiter wachsender Abhängigkeit von großen Technologieanbietern. Aus seiner Sicht müssen Alternativen gefördert, Lieferketten breiter aufgestellt, Datenhoheit gesichert und Hersteller stärker für Sicherheitsfragen verantwortlich gemacht werden.

Eine Studie des Europäischen Parlaments beziffert die jährlichen Zahlungen aus der EU an US-Technologieunternehmen auf etwa 264 Milliarden Euro. Der Digitalgipfel steht damit nicht nur für eine technische Debatte. Er berührt Industriepolitik, Datenschutz, Cybersicherheit und die Frage, wie eigenständig Europa seine digitale Infrastruktur künftig gestalten kann.