Wissen & Technik · Vernetzte Kühlung
Hacker manipulieren Kühlanlagen von Blutspendedienst
Nach einer Serie von Cyberangriffen auf vernetzte Kühlanlagen sind weitere Fälle in Deutschland und Frankreich bekannt geworden. In Frankreich traf es Kühlsysteme, die für den Blutspendedienst genutzt werden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Paris ist die Lage wieder unter Kontrolle, Blutkonserven seien nicht beeinträchtigt worden. In Bayern meldete die Polizei zudem einen Angriff auf mehrere Kühlhäuser einer Metzgerei im Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Dort entstand ein Schaden im fünfstelligen Bereich.
Blutprodukte blieben unversehrt
Beim französischen Blutspendedienst wurden nach dessen Angaben drei Anlagen eines Dienstleisters angegriffen. Die Geräte dienen der Kühlung von Blutprodukten, unter anderem tiefgefrorenem Plasma. Unbekannte sollen die Zieltemperatur von minus 30 Grad auf 110 Grad Celsius verändert haben. Das Gesundheitsministerium sprach von einer kontrollierten Situation; gelagerte Blutkonserven seien nicht beschädigt worden.
Ein Techniker im Bereitschaftsdienst bemerkte den Manipulationsversuch in der Nacht vom 1. auf den 2. November und griff rechtzeitig ein. Besonders betroffen war demnach die Region Bourgogne-Franche-Comté. Der Leiter des französischen Blutspendedienstes, Frédéric Pacoud, erklärte: „Die Sicherheit der Produkte wurde nicht beeinträchtigt.“ Ohne die schnelle Entdeckung hätten für Patientinnen und Patienten bestimmte Blutspenden verloren gehen können.
Der Vorfall erweitert die bisher bekannte Angriffswelle. Zunächst standen vor allem Supermärkte im Mittelpunkt. Dort wurden Kühl- und Gefrieranlagen in mehreren europäischen Ländern manipuliert. In Deutschland, Frankreich und weiteren Staaten mussten nach den Angriffen große Mengen Lebensmittel entsorgt werden.
Metzgerei in Bayern betroffen
Auch in Deutschland gibt es neue Fälle außerhalb großer Supermarktketten. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Regensburg wurden mehrere Kühlhäuser einer Metzgerei in der Oberpfalz angegriffen. Die Täter veränderten in der Nacht zum Montag die Temperatureinstellungen so, dass sich die Anlagen auf bis zu 150 Grad erhitzten.
Der Schaden liegt nach Polizeiangaben im fünfstelligen Bereich. Weil der Angriff rechtzeitig auffiel, konnte ein noch größerer Schaden verhindert werden. Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts der Datenveränderung, Computersabotage und Sachbeschädigung.
Bereits zuvor waren in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern einzelne Lebensmittelgeschäfte Ziel ähnlicher Manipulationen geworden. Vergleichbare Vorfälle wurden auch aus Belgien, Luxemburg und Schweden bekannt. In Frankreich hatte es bereits im Oktober einen größeren Angriff auf ältere Kühlanlagen in Supermärkten gegeben.
Behörden warnen vor offenen Fernzugängen
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und weitere europäische Stellen haben Betreiber vernetzter Anlagen aufgefordert, ihre Systeme umgehend abzusichern. Steuerungen sollen nicht direkt über das öffentliche Internet erreichbar sein. Fernwartung soll nur über geschützte, verschlüsselte Verbindungen erfolgen, etwa per VPN. Zusätzlich empfehlen die Behörden sichere Passwörter, Mehr-Faktor-Authentifizierung und regelmäßige Sicherheitsupdates.
Nach Einschätzung von IT-Fachleuten nutzen die Täter Schwächen in Anlagen aus, die per Internet gesteuert werden können. Betroffen sind unter anderem ältere Kühlsteuerungen eines dänischen Herstellers. Kritisiert wird vor allem, dass manche Systeme mit Werkseinstellungen oder leicht erratbaren Standardpasswörtern betrieben wurden. Dadurch kann ein Zugriff über den Browser möglich werden, wenn die Steuerung ungeschützt erreichbar ist.
Der Karlsruher IT-Sicherheitsexperte Christoph Fischer sieht die Hersteller stärker in der Verantwortung. Betreiber hätten nach seiner Einschätzung längst Updates erhalten müssen, die beim ersten Einsatz individuelle Zugangsdaten erzwingen. Fernzugriffe könnten sinnvoll sein, müssten aber technisch deutlich besser abgesichert werden.
Risiko reicht über Supermärkte hinaus
Die Angriffe zeigen, wie verwundbar vernetzte Betriebstechnik ist. Kühlung gehört in Lebensmittelhandel, Gesundheitswesen und Pharmahandel zu den besonders sensiblen Bereichen. Fallen dort Anlagen aus oder werden Temperaturen manipuliert, können Waren, Blutprodukte oder Medikamente unbrauchbar werden. Gerade Arzneimittel können zudem hohe Werte haben, sodass schon einzelne betroffene Geräte erhebliche wirtschaftliche Folgen auslösen können.
Fachleute warnen, dass das Problem nicht auf Supermärkte begrenzt ist. Vernetzte Steuerungen finden sich in vielen Bereichen, von industriellen Anlagen über Gebäudetechnik bis zu privaten Geräten. Die Vorfälle verstärken daher die Debatte über strengere Vorgaben für digitale Gebäude- und Logistiktechnik. Behörden in Deutschland und Frankreich befassen sich weiter mit den Angriffen.