Wissen & Technik · Künstliche Intelligenz
Bund prüft KI-Kooperation mit Nvidia
Die Bundesregierung bereitet eine Zusammenarbeit mit Nvidia vor, um Künstliche Intelligenz in der Industrie stärker in Deutschland zu verankern. Bei der Konferenz „Invest in Germany“ in Berlin werden am Montag und Dienstag rund 200 Unternehmen erwartet, viele davon mit ihren Vorstandsvorsitzenden. Bundeskanzler Friedrich Merz will voraussichtlich am Montagabend Nvidia-Chef Jensen Huang treffen. Im Zentrum stehen Rechenleistung, Hochleistungschips, Fachkräfte und die Nutzung industrieller Daten für KI-Anwendungen.
Rechenleistung wird Standortfaktor
Für leistungsfähige KI-Systeme braucht es große Mengen spezialisierter Chips. Nvidia-Grafikprozessoren spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie werden in Rechenzentren eingesetzt, um KI-Modelle zu entwickeln und zu betreiben. Genau an dieser Stelle setzt die geplante Kooperation an: Die Bundesregierung will den Zugang zu solcher Infrastruktur verbessern und damit den industriellen Einsatz von KI beschleunigen.
Der Bedarf wächst schneller, als etablierte Cloudanbieter ihn vollständig decken können. Neben Amazon, Google und Microsoft sind deshalb spezialisierte Anbieter entstanden, die Rechenkapazität für KI vermieten. Diese sogenannten Neoclouds betreiben Rechenzentren und stellen vor allem Grafikprozessoren bereit. Das Technologieunternehmen Cisco schätzt, dass diese Anbieter bereits 17 Prozent des weltweiten Ausbaus von Rechenzentren ausmachen. In den kommenden zehn Jahren könnte ihr Anteil auf fast ein Drittel steigen.
Auch die Zahl der Anbieter ist stark gewachsen. Fachleute für Rechenzentren zählen außerhalb der großen Cloudkonzerne 536 Unternehmen, die Zugang zu Grafikprozessoren verkaufen. Dazu gehören klassische regionale Cloudanbieter ebenso wie Firmen, die erst mit dem KI-Boom entstanden sind.
Hohe Investitionen, hohe Risiken
Die neue Infrastruktur ist teuer. Coreweave, einer der bekanntesten KI-Cloudanbieter, erzielte im zweiten Quartal 2,58 Milliarden Dollar Umsatz. Das waren 112 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig weitete sich der Verlust von 290 Millionen auf 626 Millionen Dollar aus. Allein die Zinskosten lagen bei 640 Millionen Dollar. Ende Juni standen bei dem Unternehmen Schulden von 51 Milliarden Dollar in den Büchern.
Andere Anbieter wachsen ebenfalls rasant. Nebius steigerte seine Erlöse im zweiten Quartal auf 582,3 Millionen Euro, ein Plus von 454 Prozent. Viele Geschäftsmodelle beruhen auf langfristigen Verträgen und hohen Auftragsbeständen. Coreweave meldete nach dem zweiten Quartal Aufträge über 104 Milliarden Dollar, bei Nebius waren es mehr als 40 Milliarden Dollar.
Ob diese Summen vollständig zu Einnahmen werden, hängt auch von den Kunden ab. Ein erheblicher Teil der Aufträge kommt von KI-Entwicklern wie OpenAI und Anthropic, die noch keine Gewinne ausweisen und weiter auf Kapitalgeber angewiesen sind. Zudem dienen KI-Chips häufig als Sicherheit für Kredite. Weil neue Chipgenerationen schnell auf den Markt kommen, besteht das Risiko, dass heutige Hardware deutlich an Wert verliert, bevor Finanzierungen auslaufen.
Plattformen und Prüfer rücken in den Blick
Auch auf der Anwendungsebene wächst der Druck. Google will Verweise auf externe Webseiten in seinen KI-gestützten Suchantworten stärker hervorheben. Der Konzern zeigt seit einiger Zeit oberhalb der klassischen Trefferliste automatisch erzeugte Antworten an. Das verändert den Verkehr zu anderen Internetangeboten deutlich.
Eine Auswertung des Beratungsunternehmens Chartbeat ergab, dass Nachrichten-Websites zwischen Juli 2025 und Juli 2026 rund 40 Prozent weniger Besucherinnen und Besucher über Google erhielten. Die Entwicklung betrifft nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Auffindbarkeit von Inhalten im Netz insgesamt.
Anthropic reagiert ebenfalls auf die öffentliche Debatte über die Folgen von KI. Das Unternehmen will fünf Prozent seiner Aktien in einen neuen Gemeinwohl-Fonds einbringen. Dieser soll unter anderem gemeinnützige Organisationen unterstützen, Direktzahlungen an bestimmte Bevölkerungsgruppen ermöglichen und Maßnahmen finanzieren, die Beschäftigte bei den Folgen von KI entlasten. Geld aus dem Fonds darf weder für Lobbyarbeit noch für politische Spenden verwendet werden. Voraussetzung ist die Zustimmung der Aktionärinnen und Aktionäre. Zudem öffnet sich Anthropic externen Prüfern.
Regeln folgen der Infrastruktur
Die Entwicklung zeigt, dass KI-Politik nicht mehr nur abstrakte Modellregeln betrifft. Sie berührt Rechenzentren, Chipzugang, Datenbestände, Plattformmacht und die Finanzierung ganzer Infrastrukturen. Für Deutschland steht damit die Frage im Vordergrund, wie industrielle Anwendungen schneller entstehen können, ohne Kontrolle, Transparenz und wirtschaftliche Stabilität aus dem Blick zu verlieren.
Die geplanten Gespräche mit Nvidia fallen deshalb in eine Phase, in der staatliche KI-Projekte konkreter werden. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an Vorgaben, die technische Abhängigkeiten, Marktfolgen und Prüfmechanismen erfassen.