Wirtschaft · Energiepolitik Türkei
Türkei plant Stromausbau für 500 Milliarden Dollar
Die Türkei stellt ihre Energiepolitik langfristig auf einen deutlich größeren Stromsektor um. Nach der von Energieminister Alparslan Bayraktar vorgestellten nationalen Energiestrategie sollen bis 2040 insgesamt 500 Milliarden US-Dollar in die Energieversorgung fließen. Im Mittelpunkt stehen Elektrifizierung, erneuerbare Energien und Atomkraft. Die Regierung will damit die hohe Abhängigkeit von Energieimporten senken und zugleich den erwarteten Mehrbedarf durch neue Verbraucher decken.
Stromkapazität soll stark wachsen
Der Plan sieht einen massiven Ausbau der installierten Stromleistung vor. Die Gesamtkapazität soll von derzeit 123 Gigawatt auf 281 Gigawatt steigen. Damit würde sich die verfügbare Leistung innerhalb von rund anderthalb Jahrzehnten mehr als verdoppeln.
Ein großer Teil der Mittel ist für die Elektrifizierung vorgesehen. Mehr als 330 Milliarden Dollar der geplanten Gesamtsumme sollen in diesen Bereich gehen. Damit verbindet die Regierung den Umbau von Verkehr, Wärmeversorgung und Industrie. Auch digitale Infrastruktur spielt eine Rolle: Als wichtige Treiber für den künftigen Stromverbrauch gelten Elektrofahrzeuge, Rechenzentren und Wärmepumpen.
Obwohl die Regierung insgesamt mit einem geringeren Energiebedarf durch Elektrifizierung rechnet, soll der Stromverbrauch pro Kopf deutlich steigen. Erwartet wird eine Verdopplung. Der Energiesektor verschiebt sich damit stärker weg von direkten fossilen Energieträgern und hin zu Strom als zentralem Energieträger.
Erneuerbare Energien und Atomkraft im Fokus
Bei den erneuerbaren Energien plant Ankara einen höheren Anteil an der Stromkapazität. Derzeit liegt dieser Anteil bei 63 Prozent. Bis 2040 sollen es 77 Prozent werden. Damit soll ein größerer Teil der Stromerzeugung aus Quellen kommen, die nicht auf importierte fossile Brennstoffe angewiesen sind.
Parallel setzt die Türkei auf Kernenergie. Die Atomkraftkapazität soll auf zehn Gigawatt steigen. Über zwei weitere Atomkraftwerke will die Regierung im Jahr 2027 entscheiden. Ein möglicher Standort liegt an der Schwarzmeerküste. Als potenzieller Partner für ein solches Projekt gilt das kanadische Unternehmen CANDU.
Bayraktar hatte vor Gesprächen mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney erklärt, Kernenergie gehöre zu den wichtigen Themen. Carney war Ende Oktober in der Türkei. Eines der geplanten Atomkraftprojekte soll dabei eine Rolle gespielt haben.
Ziel ist weniger Importabhängigkeit
Die türkische Regierung begründet den Umbau auch mit den hohen Kosten für Energieimporte. Diese lagen zuletzt bei 65 bis 70 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Strategie soll helfen, diese Belastung zu verringern und die Versorgung stärker auf eigene oder langfristig gesicherte Quellen zu stützen.
Zur kurzfristigen Absicherung hatte die Türkei im August ein einjähriges Abkommen mit dem Irak geschlossen. Dabei geht es um die Nutzung einer Rohölpipeline. Der Schritt zeigt, dass Ankara neben dem langfristigen Ausbau des Stromsystems weiter auf Vereinbarungen zur Versorgung mit fossilen Energieträgern angewiesen bleibt.
Die neue Strategie verbindet daher zwei Ebenen: Einerseits soll die aktuelle Energieversorgung stabil bleiben. Andererseits will die Regierung den Energiemix bis 2040 grundlegend verändern. Neben der höheren Stromkapazität nennt der Plan auch ein Klimaziel. Die Gesamtemissionen sollen um 40 Prozent sinken.
Für die türkische Wirtschaft wäre der Umbau ein Großprojekt mit erheblichen Folgen für Infrastruktur, Industrie und Investitionen. Der Ausbau von Stromnetzen, Erzeugungskapazitäten und neuen Verbrauchstechnologien entscheidet darüber, ob die geplante Elektrifizierung im Alltag und in der Produktion tragfähig wird.