Wirtschaft · Preise und Zinsen
Hohe Inflation treibt Europas Zins- und Marktsorgen
Die anhaltend hohe Teuerung wird für Europas Wirtschaft erneut zum zentralen Risiko. In Großbritannien reagiert die Notenbank mit einer Zinserhöhung, während schwankende Energiepreise und geopolitische Unsicherheiten die Inflationsdebatte verschärfen. An den Aktienmärkten verstärken Zins- und Konjunktursorgen die Nervosität, auch wenn der stärkste Druck am Donnerstag von Technologiewerten ausging.
Notenbank reagiert auf Preisdruck
Die Bank of England hat ihren Leitzins am Donnerstag um 0,25 Prozentpunkte auf 4,00 Prozent angehoben. Es ist die erste Anhebung seit August 2023. Im laufenden Jahr hatte die britische Notenbank den Schlüsselsatz zuvor unverändert gelassen; zuletzt war er im vergangenen Dezember um 0,25 Prozentpunkte gesenkt worden.
Ausschlaggebend ist der wieder stärkere Preisauftrieb. In Großbritannien lag die Inflation im September bei 3,5 Prozent. Im August hatte sie noch 3,1 Prozent betragen. Damit erreichte die Teuerung den höchsten Stand seit Oktober 2025. Die Entscheidung der Notenbank zeigt, dass der Kampf gegen hohe Verbraucherpreise noch nicht abgeschlossen ist.
Für Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet ein höherer Leitzins teurere Kredite. Zugleich sollen steigende Finanzierungskosten die Nachfrage dämpfen und damit den Preisdruck verringern. Auf den Finanzmärkten rückt deshalb die Frage in den Mittelpunkt, ob andere Notenbanken ebenfalls länger auf restriktive Geldpolitik setzen müssen.
Energiepreise bleiben Risikofaktor
Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor ist der Ölmarkt. Die Sorten Brent und WTI waren am Mittwoch zwar jeweils um mehr als acht Prozent gefallen und erreichten damit den niedrigsten Stand seit Ende August. Dieser Rückgang hielt jedoch nicht an. Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer bewerten weiter, wie sich der Krieg zwischen den USA und Iran nach den Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten entwickeln könnte.
Niedrigere Ölpreise können Inflationssorgen vorübergehend lindern, weil Energie viele Bereiche der Wirtschaft beeinflusst. Bleiben die Preise dagegen volatil oder steigen erneut, erhöht das den Druck auf Haushalte, Unternehmen und Notenbanken. Der Rohstoffexperte Giovanni Staunovo von UBS sieht den Konflikt auch nach den Wahlen nicht als gelöst an.
Auch in Deutschland steht der Umgang mit Kraftstoffpreisen politisch im Fokus. Das Finanzministerium hält den geplanten Spritpreisdeckel in der bisherigen Form für angreifbar. Dort wird befürchtet, dass Mineralölkonzerne Preisbewegungen so steuern könnten, dass die Regelung nicht greift. Zudem soll die geplante Befristung auf drei Monate angesichts weltweiter Risiken, etwa am Golf, gestrichen werden.
Börsen preisen höhere Risiken ein
Die Unsicherheit spiegelte sich am Donnerstag an den Aktienmärkten wider. Der Nasdaq 100 fiel im Handelsverlauf um mehr als fünf Prozent auf 24.500 Punkte. Besonders stark verloren Chipwerte. Nvidia und Broadcom gaben jeweils deutlich nach, Qualcomm büßte zeitweise bis zu elf Prozent ein. Der US-Branchenindex für Halbleiter brach um neun Prozent ein.
Der Druck kam vor allem aus der Furcht vor strengeren Regeln für Künstliche Intelligenz nach dem Erfolg der Demokraten bei den Zwischenwahlen. Die Partei errang Mehrheiten in beiden Kongresskammern und gewann auch in republikanisch geprägten Regionen wie Texas. In Europa sank der Technologieindex um 3,2 Prozent.
Auch der deutsche Leitindex Dax drehte ins Minus. Nach einem Rekordstand von 26.692 Punkten im frühen Handel schloss er 0,4 Prozent tiefer bei 26.325 Punkten. Zuvor hatte die nachlassende politische Unsicherheit in den USA die Risikobereitschaft gestützt. Nun rücken wieder Regulierung, Energiepreise und die künftige Zinspolitik in den Vordergrund.
Schwache Konjunktur erhöht den Druck
Der hohe Preisauftrieb trifft auf eine bereits angespannte wirtschaftliche Lage. In Deutschland belastet die schwache Konjunktur den Arbeitsmarkt. Im Oktober waren 2,955 Millionen Menschen arbeitslos, trotz eines saisonbedingten Rückgangs um 40.000 gegenüber dem Vormonat. Der Bund plant deshalb zusätzliche Unterstützung für die Bundesagentur für Arbeit in Form eines zinslosen Darlehens von fünf Milliarden Euro.
Auch der internationale Handel bleibt ein Belastungsfaktor. Deutsche Autobauer und Zulieferer leiden unter höheren Zollkosten in den USA. Für Autos aus der Europäischen Union gilt dort ein Satz von 15 Prozent. Die Demokraten lehnen diese von Präsident Donald Trump verhängten Zölle ab, weil sie nach ihrer Einschätzung die Inflation in den USA anheizen. Eine Abschaffung ist jedoch unsicher, da der Präsident ein Veto einlegen kann.