Wirtschaft · Cyberangriffe auf Kühlung
Hackerangriffe treffen Kühlanlagen und Blutbanken
Manipulierte Kühl- und Gefriertechnik wird zu einem wachsenden Risiko für Handel und Gesundheitswesen. Nach Angriffen auf Supermärkte in mehreren europäischen Ländern wurden auch Blutbanken in Frankreich getroffen. Dort veränderten Angreifer die Steuerung so, dass Anlagen nicht mehr kühlten, sondern stark erhitzten. Blutplasma nahm nach Angaben der betroffenen Einrichtungen keinen Schaden, weil Techniker die Manipulation rasch bemerkten. In Supermärkten verdarben dagegen große Warenmengen. Die Schadenssummen werden unterschiedlich beziffert: Sie reichen von mehreren Millionen Euro bis zu Beträgen im dreistelligen Millionenbereich.
Steuerungen aus der Ferne manipuliert
Bei den Angriffen verschafften sich die Täter Zugriff auf vernetzte Kühltechnik. In Supermärkten wurde dabei die Abtaufunktion aktiviert oder die Temperatur deutlich erhöht. In einzelnen Fällen stiegen die Werte in Anlagen auf bis zu 50 Grad. Betroffen waren Märkte in mehreren europäischen Staaten, darunter Deutschland, Belgien, Estland, Finnland, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Portugal und Schweden.
In Frankreich richteten sich Angriffe zudem gegen Blutbanken. Dort sollen Temperaturen von minus 30 Grad auf plus 110 Grad umgestellt worden sein. Die französische Cybersicherheitsbehörde und das Gesundheitsministerium befassen sich mit den Vorfällen. Für Einrichtungen, die Blutprodukte lagern, ist eine stabile Kühlung zentral, weil falsche Temperaturen schnell zu unbrauchbaren Beständen führen können.
Die EU-Kommission wertete die Angriffe als gezielten Versuch, die Lebensmittelversorgung zu beeinträchtigen und das Vertrauen von Verbraucherinnen und Verbrauchern zu erschüttern. Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels erklärte, in Deutschland seien nur einzelne Märkte betroffen gewesen. Zugleich betonte der Verband, Schutz gegen digitale und physische Risiken bleibe für Handelsunternehmen eine dauerhafte Aufgabe.
Fachleute sehen Schwächen bei vernetzten Geräten
IT-Sicherheitsexperten sehen die Ursachen nicht nur bei einzelnen Unternehmen, sondern auch bei der Bauweise und Einrichtung vernetzter Geräte. Der Karlsruher Sicherheitsexperte Christoph Fischer kritisierte, dass Steuerungssysteme teils mit voreingestellten Zugangsdaten betrieben würden. Aus seiner Sicht sollten Hersteller ihre Anlagen so auslegen, dass beim ersten Start zwingend eigene Passwörter vergeben werden.
Fernwartung ist nach Einschätzung von Fachleuten nicht grundsätzlich problematisch. Sie kann den Betrieb erleichtern, wenn Kühltechnik überwacht und aus der Distanz angepasst werden muss. Entscheidend ist jedoch, wie solche Zugänge abgesichert sind. Als mögliche Schutzmaßnahmen gelten Verfahren mit Zertifikaten und asymmetrischer Verschlüsselung, damit nicht jede frei erreichbare Steuerung zum Einfallstor wird.
Dirk Engling vom Chaos Computer Club verwies auf eine zusätzliche Entwicklung: Die Pflicht, Kühlketten lückenlos nachzuweisen, habe vielfach zu zentralen Überwachungslösungen geführt. Wenn Kontrolle und Fernsteuerung über das Internet zusammenlaufen, entsteht nach seiner Einschätzung ein attraktives Ziel für Angreifer. Zudem erleichtern automatisierte Suchwerkzeuge das Aufspüren verwundbarer Systeme.
Politische Vorwürfe und offene Zuordnung
Wer hinter der Angriffswelle steht, ist nicht abschließend geklärt. Sicherheitsexperten halten staatlich unterstützte Gruppen für möglich. In der Debatte wird auch Russland genannt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies entsprechende Vorwürfe am Donnerstag zurück und sprach von „absolut absurden Anschuldigungen“.
Frühere ähnliche Angriffe wurden auch Akteuren zugeschrieben, die mit Iran in Verbindung gebracht werden. Diese Fälle betrafen jedoch die USA und Israel. Die aktuellen Ermittlungen in Europa laufen vor dem Hintergrund, dass digitale Angriffe längst nicht mehr nur klassische IT-Systeme treffen. Auch technische Anlagen in Handel, Logistik, Gesundheitswesen und Forschung sind zunehmend vernetzt.
Breiteres Problem für Wirtschaft und Infrastruktur
Die Angriffe auf Kühltechnik fügen sich in eine Reihe von IT-Sicherheitsvorfällen ein. Auch Hochschulen waren zuletzt wiederholt betroffen. An der Universität Leipzig waren elektronische Kommunikationswege gestört, Seminararbeiten konnten nicht regulär eingereicht werden, Informationen erreichten Studierende nicht zuverlässig. Zuvor meldeten unter anderem die Universitäten Rostock, Halle-Wittenberg und Bremen Sicherheitsvorfälle.
Für Unternehmen zeigt der Fall, dass Cybersicherheit nicht nur Bürosysteme betrifft. Wenn Angreifer technische Infrastruktur steuern können, entstehen schnell wirtschaftliche Schäden und Risiken für sensible Güter. Besonders kritisch sind Bereiche, in denen Temperatur, Hygiene oder Versorgungssicherheit eine Rolle spielen. Die jüngsten Vorfälle machen deutlich, dass vernetzte Anlagen nur dann Vorteile bringen, wenn Zugangsschutz, Wartung und Überwachung konsequent mitgedacht werden.