Wirtschaft · Tarifkonflikt Industrie
IG Metall beginnt Warnstreiks nach Mitternacht
Die IG Metall hat unmittelbar nach dem Ende der Friedenspflicht um Mitternacht erste befristete Arbeitsniederlegungen in der Metall- und Elektrobranche begonnen. Aktionen gab es in der Nacht zum Sonntag unter anderem in Andernach, Hildesheim und München. Die Gewerkschaft will damit den Druck in der Tarifrunde für rund 3,7 Millionen Beschäftigte erhöhen. In den kommenden Tagen sollen die Warnstreiks auf weitere Regionen und Betriebe ausgeweitet werden.
Erste Aktionen in mehreren Bundesländern
In Andernach in Rheinland-Pfalz legten Beschäftigte der Nachtschicht beim Weißblechhersteller Thyssenkrupp Rasselstein zeitweise die Arbeit nieder. Rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kamen vor dem Werkstor zu einer Protestaktion zusammen. Auch in München begann in der Nacht eine Aktion beim Mobilfunkzulieferer RF 360 Europe/Qualcomm.
In Hildesheim versammelten sich ebenfalls etwa 300 Beschäftigte vor dem Werk des Automobilzulieferers KSM Castings. Der zuständige Gewerkschaftsbezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sprach vom Beginn der Warnstreikphase nach Ablauf der Friedenspflicht. Die Aktionen markieren den Auftakt einer breiteren Mobilisierung in einer Branche, zu der unter anderem Autoindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik und Metallerzeugung gehören.
Für die kommende Woche hat die IG Metall weitere und deutlich größere Warnstreiks angekündigt. Die Arbeitsniederlegungen bleiben zunächst zeitlich begrenzt. Ziel der Gewerkschaft ist es, vor der nächsten Phase der Tarifverhandlungen mehr Bewegung auf Arbeitgeberseite zu erzwingen.
Gewerkschaft fordert 5 Prozent mehr Geld
Die IG Metall verlangt für Beschäftigte und Auszubildende 5 Prozent mehr Einkommen bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Zusätzlich fordert sie eine soziale Komponente für niedrigere Entgeltgruppen sowie eine Gewinnbeteiligung in Unternehmen mit guter wirtschaftlicher Lage. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten.
Die Gewerkschaft kritisiert, dass das bisherige Angebot der Arbeitgeber die Preisentwicklung und die Lage vieler Beschäftigter nicht ausreichend berücksichtige. IG-Metall-Chefin Christiane Benner hatte vor Beginn der Aktionen angekündigt, es werde „starke Warnstreiks“ geben. In den Betrieben habe das Angebot Unverständnis und Ärger ausgelöst.
Auch regionale Gewerkschaftsvertreter verschärften den Ton. Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, bezeichnete die Aktion in Andernach als Beginn einer umfangreichen Warnstreikphase. Thorsten Gröger, Bezirksleiter in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, erklärte, die Belegschaften würden nun selbst deutlich machen, dass sie das Angebot nicht akzeptieren.
Arbeitgeber verweisen auf Kostenlage
Die Arbeitgeberseite hatte in der zweiten Verhandlungsrunde ein Angebot vorgelegt. Es sieht für Juli 2027 eine Einmalzahlung in Höhe von 1 Prozent eines durchschnittlichen tariflichen Jahresbruttoeinkommens vor. Ab Juli 2028 soll es dauerhaft 1,3 Prozent mehr Geld geben. Der neue Tarifvertrag soll nach dem Angebot bis Ende 2028 laufen.
Begründet wird die zurückhaltende Offerte mit der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung und hohen Belastungen für Industriestandorte in Deutschland. Viele Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie stehen unter Druck durch Energiekosten, Investitionsbedarf, internationale Konkurrenz und eine gedämpfte Nachfrage. Die Arbeitgeber sehen deshalb nur begrenzten Spielraum für höhere Tarifabschlüsse.
Die IG Metall weist diese Argumentation zurück. Vorstandsmitglied André Arenz sprach von einem Angebot, das Reallohnverluste bedeute. Er warnte, Verzicht sichere weder Beschäftigung noch Standorte oder Konjunktur. Damit bleibt der Konflikt vorerst festgefahren.
Bedeutung der Tarifrunde
Die Metall- und Elektroindustrie zählt zu den wichtigsten Tarifbereichen in Deutschland. Abschlüsse in dieser Branche haben häufig Signalwirkung für andere Industriezweige. Die aktuelle Runde findet in einer angespannten wirtschaftlichen Lage statt: Unternehmen verweisen auf sinkende Wettbewerbsfähigkeit, während Beschäftigte steigende Lebenshaltungskosten und Unsicherheit über Arbeitsplätze anführen.
Mit dem Ende der Friedenspflicht kann die Gewerkschaft nun Warnstreiks organisieren. Die ersten Aktionen in der Nacht zum Sonntag zeigen, dass die IG Metall früh Druck aufbauen will. Wie stark die Ausstände den Betrieb in einzelnen Unternehmen beeinträchtigen, dürfte sich in der kommenden Woche zeigen, wenn die Proteste bundesweit ausgeweitet werden.