Wirtschaft · Energiepolitik
Großbritannien gibt Nordsee-Gasfeld Jackdaw frei
Die britische Regierung hat die Gasförderung im Nordsee-Feld Jackdaw genehmigt. Das Vorkommen liegt rund 240 Kilometer vor Aberdeen und soll noch vor Weihnachten Erdgas liefern. Betreiber ist Adura, ein Gemeinschaftsunternehmen von Shell und Equinor. Die Entscheidung trifft auf scharfe Kritik von Klima- und Umweltgruppen, während Regierung, Unternehmen und mehrere Gewerkschaften auf Versorgungssicherheit und Arbeitsplätze verweisen.
Förderung soll rasch beginnen
Energieministerin Miatta Fahnbulleh gab am Mittwoch grünes Licht für das Projekt. Sie erklärte, nach Prüfung der maßgeblichen Punkte habe sie zugestimmt, dass die Aufsicht die Förderung freigeben könne. Jackdaw gilt als großes bislang ungenutztes Gasvorkommen in der britischen Nordsee.
Nach Angaben des Energieministeriums soll das Feld noch in diesem Winter zur Versorgung von Haushalten beitragen. Premierminister Andy Burnham begründete die Entscheidung mit der Lage vieler Bürgerinnen und Bürger sowie mit vorhandenen Energiereserven. Der Start werde „Hunderte Arbeitsplätze schützen und Millionen Haushalte in diesem Winter warmhalten“, sagte Burnham.
Auf dem Höhepunkt der Förderung könnte Jackdaw rund sechs Prozent zur britischen Nordsee- beziehungsweise heimischen Gasproduktion beitragen. Für das Feld werden insgesamt bis zu zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas genannt. Umgerechnet entspricht das etwa 40 Millionen Barrel Öl. Die vollständige Ausbeutung dürfte nach Einschätzung von Fachleuten etwa elf Jahre dauern.
Alte Lizenz, neue Prüfung
Politisch ist die Genehmigung heikel, weil die Labour-Regierung angekündigt hat, keine neuen Bohrlizenzen für Öl- und Gasfelder in der Nordsee zu vergeben. Jackdaw fällt jedoch in eine Sonderlage: Das Projekt war bereits unter der konservativen Vorgängerregierung genehmigt worden. Nach Einwänden von Umweltschützern und einem Gerichtsurteil im Januar 2025 musste die Umweltverträglichkeit erneut geprüft werden.
Die Investitionen für Jackdaw beziffert Adura auf 2,1 Milliarden Pfund, umgerechnet etwa 2,5 Milliarden Euro. Direkt entstehen durch den Förderstart nur gut zwei Dutzend neue Stellen. Nach Unternehmensangaben werden aber knapp 300 bestehende Arbeitsplätze abgesichert. Adura-Chef Neil McCulloch begrüßte die Entscheidung als „pragmatisch“ und „evidenzgeleitet“.
Gewerkschaften wie GMB und Unite unterstützen die Erschließung. Sie sehen in dem Projekt eine Stütze für Beschäftigung und Industrie in einer Region, in der Öl- und Gasfelder seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle spielen. Die britische Förderung ist seit ihrem Höhepunkt um die Jahrtausendwende deutlich zurückgegangen. Viele ältere Lagerstätten sind weitgehend erschöpft, zugleich hielten hohe Abgaben und unsichere Rahmenbedingungen Investitionen zurück.
Kritik aus Klimaschutz und Politik
Klima- und Umweltgruppen werfen der Regierung vor, mit Jackdaw den Ausstieg aus fossilen Energien zu erschweren. Neue Förderprojekte verlängerten die Abhängigkeit von Gas und Öl, so die Kritik. Der Grünen-Vorsitzende Jack Polanski nannte die Entscheidung „Klimavandalismus“.
Burnham betonte zugleich, Großbritannien halte am Ziel fest, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und erneuerbare Energien auszubauen. Fahnbulleh gilt innerhalb der Labour-Partei als skeptisch gegenüber großen neuen Öl- und Gasprojekten. Sie verweist jedoch darauf, dass Erdgas während der Übergangszeit weiter Teil des Energiemixes bleibe.
Die Entscheidung fällt in eine Phase hoher Energiepreise. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass die Inflation in Großbritannien im September auf 3,5 Prozent stieg. Die Regierung stellt Jackdaw deshalb auch als Beitrag zur Versorgungssicherheit dar, obwohl die erwartete Gesamtförderung nur einen begrenzten Anteil am langfristigen britischen Gasbedarf abdeckt.
Rosebank bleibt offen
Ungeklärt ist weiterhin, wie die Regierung mit dem größeren Öl- und Gasfeld Rosebank nahe den Shetlandinseln umgeht. Auch dieses Projekt muss eine Prüfung durchlaufen. Eine Entscheidung steht noch aus.
Großbritannien deckt derzeit einen beträchtlichen Teil seines Gasbedarfs aus eigenen Feldern. Weitere Mengen kommen über Pipelines aus Norwegen sowie als Flüssigerdgas, vor allem aus den USA und aus Katar. Der Fall Jackdaw zeigt den Zielkonflikt der britischen Energiepolitik: kurzfristig bezahlbare und verfügbare Energie sichern, Arbeitsplätze erhalten und zugleich den Umbau zu einem klimaneutralen Energiesystem vorantreiben.