Wirtschaft · Künstliche Intelligenz
Deutschland ringt um Kurs bei Künstlicher Intelligenz
Vor dem Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin verdichtet sich die Debatte über Künstliche Intelligenz zu einer Grundsatzfrage für Wirtschaft, Staat und Demokratie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnt einen aktiven europäischen Kurs an, SAP verweist auf steigende Kosten für sichere und souveräne KI-Angebote. Im Zentrum stehen industrielle Anwendungen, digitale Verwaltung, Abhängigkeiten von internationalen Partnern und Regeln gegen Manipulation.
Steinmeier fordert aktiven Umgang
Steinmeier bezeichnet KI als eine prägende Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Zum Abschluss seiner China-Reise sagte er, bei der Technologie gehe es nicht mehr darum, ob sie genutzt werde. Entscheidend sei das Wie. Wörtlich formulierte er: „Nicht das Ob steht zur Frage, sondern das Wie.“
Der Bundespräsident sieht die USA und China derzeit vor Europa. Deutschland solle dennoch nicht defensiv auftreten. Gerade bei KI in der Industrie, etwa in Fertigung, Steuerung und betrieblichen Abläufen, sieht er Stärken deutscher Unternehmen. Wer Regeln für diese Technologie mitgestalten wolle, müsse sie auch praktisch beherrschen, argumentiert Steinmeier. Eine pauschale Abwehr der Technologie würde nach seiner Einschätzung wirtschaftlich schwer wiegen.
Zugleich warnt er vor Folgen für demokratische Gesellschaften. Manipulation in sozialen Netzwerken sei bereits heute ein Problem. KI könne Fälschungen von Bildern, Videos und Texten deutlich einfacher und wirkungsvoller machen. Bürgerinnen und Bürger müssten deshalb lernen, künstlich erzeugte oder verfälschte Inhalte zu erkennen. Steinmeier sagte: „Die Menschen dürfen nicht zu Mündeln einer Maschine werden.“
Souveräne KI kostet mehr
Aus der Wirtschaft kommt der Hinweis, dass europäische und deutsche Kontrollansprüche ihren Preis haben. SAP-Vorstand Saueressig verweist darauf, dass ein vollständig souveräner Betrieb in Deutschland teurer sei, weil Personal, Infrastruktur und ein dauerhafter Betrieb im Land abgesichert werden müssten. SAP kalkuliert dafür mit einem Mehrpreis von etwa 15 Prozent.
Saueressig beschreibt Souveränität nicht nur als Standortfrage. Entscheidend seien mehrere Ebenen: Daten müssten im gewünschten Rechtsraum bleiben, Unternehmen bräuchten Auswahl bei Modellen und Technik, der Betrieb müsse durch qualifiziertes Personal in Deutschland oder Europa erfolgen, und unerwünschte rechtliche Abhängigkeiten sollten vermieden werden. Ein deutsches Rechenzentrum allein reiche dafür nicht aus, wenn Kontrolle und Betreiberstrukturen nicht passten.
Zugleich hält SAP Abschottung für den falschen Weg. Bei Chips, Servern, Design und weiteren Komponenten gebe es Abhängigkeiten von Partnern außerhalb Europas. Ziel sei daher keine Autarkie, sondern ein Gleichgewicht gegenseitiger Abhängigkeiten. Als europäische Stärken nennt Saueressig unter anderem Halbleitertechnik, Energie- und Rechenzentrumsinfrastruktur, Unternehmenssoftware und Mobilfunknetze.
Geschäftsmodelle statt Gratiskultur
Saueressig erwartet, dass KI-Dienste nicht dauerhaft ohne spürbare Kosten angeboten werden können. „KI wird nicht dauerhaft kostenlos sein können“, sagte er. Hintergrund seien hohe Investitionen in Infrastruktur, die über Umsätze und Produktivitätsgewinne wieder hereingeholt werden müssten.
Für Unternehmen und Behörden folgt daraus eine nüchterne Rechnung: Der Nutzen eines KI-Einsatzes muss die Kosten übersteigen. Dabei müsse nicht für jede Aufgabe das leistungsstärkste und teuerste Modell eingesetzt werden. Für viele Zwecke könnten kleinere oder offene Modelle genügen. Gleichzeitig dürften Sicherheitsniveau, Verfügbarkeit, Support und Bedienbarkeit nicht vernachlässigt werden. Open-Source-Lösungen seien eine Option, wenn sie diese Anforderungen erfüllten.
SAP sieht die größten Chancen für Deutschland nicht im bloßen Nachbau amerikanischer Basismodelle. Entscheidend seien Anwendungen, die tief in Produktions- und Geschäftsprozesse eingebunden werden. Dort könne die deutsche Industrie ihre Erfahrung nutzen, wenn sie KI konsequent in Abläufe überführt.
Regeln und internationale Abstimmung
Steinmeier plädiert für internationale Leitplanken. Die Kontrolle von KI sei keine Aufgabe einzelner Staaten. Langfristig sollten Standards möglichst im Rahmen der Vereinten Nationen entstehen. In Gesprächen mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping habe sich nach Steinmeiers Darstellung gezeigt, dass auch China Bedarf an Kontrolle und Regeln sehe.
Die Debatte fällt in eine Phase, in der Europa seine Rolle im globalen Technologiewettbewerb sucht. Der Digitalgipfel soll eine Zwischenbilanz ziehen und weitere Schritte markieren. Aus Sicht der Wirtschaft sind Staaten dabei auch als frühe Großkunden wichtig, damit europäische Anbieter wachsen können. Politisch geht es zugleich darum, Innovation zu ermöglichen, ohne demokratische Meinungsbildung und digitale Sicherheit preiszugeben.