Wirtschaft · Standort Deutschland
Bundesregierung wirbt um Milliarden privater Investoren
Bundeskanzler Friedrich Merz wirbt heute Abend in Berlin um mehr private Investitionen in Deutschland. Zum Auftakt eines zweitägigen Investitionsgipfels werden rund 500 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt erwartet. Am Dienstag sollen etwa 200 Unternehmenschefs mit Merz, Vizekanzler Lars Klingbeil und mehreren Kabinettsmitgliedern zusammenkommen. Im Mittelpunkt stehen Investitionen in Energie, Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Infrastruktur und Verteidigung.
Auftakt mit Nvidia-Chef Huang
Als prominentester Gast gilt Nvidia-Chef Jensen Huang. Er soll am Abend mit Merz auf der Bühne sprechen. Für den Gipfel wird eine engere Zusammenarbeit zwischen der Bundesregierung, Nvidia und deutschen Unternehmen erwartet. Dabei geht es vor allem um Rechenleistung für industrielle Künstliche Intelligenz. Im Gespräch ist auch eine staatliche Beteiligung in dreistelliger Millionenhöhe. Nvidia soll Ingenieure und Chips einbringen, deutsche Firmen sollen sich an dem Vorhaben beteiligen.
Huang hatte kurz vor dem Gipfel den Rückstand Deutschlands bei Schlüsseltechnologien kritisiert. Vor Journalisten in London sagte er mit Blick auf Deutschland: „Nichts schmerzt mich mehr“, als zu sehen, dass eines der technologisch führenden Länder so weit zurückliege. Zugleich verwies er auf die Fähigkeiten am Standort. Deutschland habe „so viel Talent“, sagte Huang und forderte mehr Tempo bei der Umsetzung.
Der Konzernchef betonte in Berlin zudem die Bedeutung des deutschen Marktes für Nvidia. Deutschland sei der größte europäische Standort des Unternehmens. Für digitale Souveränität sei wichtig, eigene digitale Dienste selbst betreiben zu können. Nvidia liefert vor allem Chips und Technologie für Rechenzentren, nicht Anwendungen für Endkundinnen und Endkunden.
Regierung setzt auf privates Kapital
Die Bundesregierung will mit dem Gipfel internationale Geldgeber für Deutschland gewinnen und sie langfristig an den Standort binden. Aus Regierungskreisen wird betont, dass öffentliche Mittel allein nicht ausreichen, um die Modernisierung des Landes zu finanzieren. Der Staat plant in den kommenden Jahren hohe Ausgaben für Infrastruktur und für die Umstellung der Wirtschaft auf klimafreundlichere Verfahren. Für einen dauerhaften Aufschwung sollen aber zusätzliche private Investitionen hinzukommen.
Merz hat den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zu seinem persönlichen Beauftragten für Investitionen in Deutschland gemacht. Er soll helfen, Projekte anzubahnen und den Kontakt zu Unternehmen und Kapitalgebern zu vertiefen. Ziel des Treffens in Berlin sind nicht nur Gespräche, sondern auch konkrete Zusagen für neue Projekte.
Die Bundesregierung stellt Deutschland als verlässlichen Standort dar. Genannt werden solide Staatsfinanzen, ein stabiles Rechtssystem, gut ausgebildete Fachkräfte, starke Hochschulen, viele Patente, die zentrale Lage in Europa und der Zugang zum EU-Binnenmarkt ohne Zölle. Eine Umfrage der Deutschen Bank unter internationalen Führungskräften sieht Deutschland in Europa weiter als wichtigen Investitionsstandort.
Hürden für neue Projekte
Trotz dieser Stärken zeigen Daten eine deutliche Schwäche bei Investitionen. Nach einer Untersuchung von Allianz Research sanken die Gesamtinvestitionen in Deutschland von 2019 bis 2025 um 6,4 Prozent. Im übrigen Euroraum legten sie im selben Zeitraum um 6,7 Prozent zu, in den USA um 20,2 Prozent. Daraus ergibt sich eine erhebliche Lücke gegenüber wichtigen Wettbewerbern.
Als Bremsfaktoren gelten hohe Energiepreise, eine starke Belastung durch Steuern und Abgaben sowie umfangreiche Bürokratie. Für Unternehmen sind zudem lange Planungs- und Genehmigungsverfahren ein Problem, etwa beim Bau von Rechenzentren. Die Bundesregierung will deshalb Verfahren beschleunigen, Wachstumschancen für junge Unternehmen verbessern und den Arbeitsmarkt flexibler machen. Auch Reformen der Sozialsysteme stehen auf der Agenda, damit Sozialausgaben begrenzt werden. In der schwarz-roten Koalition sind einzelne Vorhaben, etwa bei der Rente, jedoch umstritten.
Fokus auf industrielle KI
Besonders große Hoffnungen liegen auf industrieller Künstlicher Intelligenz. Deutschland verfügt durch Industrieunternehmen und Mittelstand über umfangreiche Produktionsdaten. Daraus sollen neue Anwendungen entstehen, die Abläufe effizienter machen und Geschäftsmodelle verändern. Siemens-Chef Roland Busch bezeichnete industrielle KI bereits als „Jahrhundertchance für Deutschland“.
Der Gipfel orientiert sich an internationalen Formaten, mit denen Regierungen Investoren gezielt ansprechen. Für Deutschland ist das Treffen auch ein Signal in einer Phase schwachen Wachstums. Die Bundesregierung will zeigen, dass der Standort nicht nur auf staatliche Programme setzt, sondern privates Kapital als zentralen Teil der Modernisierung betrachtet.