Zum Inhalt springen
Stündlich aktualisiert

Wirtschaft · Schienennetz am Limit

Bahn prüft weniger Züge für mehr Pünktlichkeit

Die Deutsche Bahn lässt prüfen, ob ein ausgedünnter Fahrplan den Betrieb stabiler macht. Eine Kommission soll bis Anfang 2027 Vorschläge vorlegen.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Die Bahn sucht nach Wegen, den Betrieb auf dem überlasteten Schienennetz zu stabilisieren.
Symbolbild: Die Bahn sucht nach Wegen, den Betrieb auf dem überlasteten Schienennetz zu stabilisieren. KI-generiert

Die Deutsche Bahn sucht nach Wegen aus ihrer Pünktlichkeitskrise und nimmt dabei auch weniger Zugverkehr in den Blick. Die Infrastrukturtochter DB InfraGo hat dafür eine Kommission mit dem Namen „Robuster Fahrplan“ eingesetzt. Das Gremium soll am 3. November in Berlin starten und Vorschläge erarbeiten, wie der Bahnbetrieb trotz maroder Infrastruktur, hoher Auslastung und vieler Baustellen verlässlicher werden kann.

Kommission startet Anfang November

Nach Angaben der Bahn soll die Runde mehrere Termine nutzen, um mögliche Maßnahmen ohne Vorfestlegung zu beraten. Ergebnisse werden für das neue Jahr erwartet. Anschließend sollen Politik, Länder und Branche die Vorschläge gemeinsam bewerten. Unterstützt wird die Kommission vom Schweizer Fahrplanspezialisten SMA und Partner.

Der frühere Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Enak Ferlemann, soll dem Gremium angehören. Er sitzt zudem im Aufsichtsrat von DB InfraGo. Ferlemann sieht im aktuellen Betrieb ein strukturelles Problem: Auf dem vorhandenen Netz seien zu viele Züge unterwegs. Als mögliches Beispiel nannte er die Verbindung Berlin-Hamburg, auf der statt eines Halbstundentakts im Fernverkehr auch ein Stundentakt denkbar sei, wenn die Züge dann verlässlicher führen.

Die Bahn betont, dass eine Reduzierung des Angebots nicht bereits beschlossen ist. Die Kommission soll unterschiedliche Ansätze prüfen. Im Kern geht es darum, kurzfristig mehr Stabilität zu erreichen, während die Sanierung des Netzes weiterläuft.

Überlastete Strecken und Baustellen

Die Pünktlichkeit im Fernverkehr ist seit längerem schwach. Im laufenden Jahr kam in den meisten Monaten annähernd jeder zweite Fernzug verspätet an. Im vergangenen Jahr erreichten nur rund 60 Prozent der Fernzüge ihr Ziel ohne größere Verzögerung. Setzt sich die Entwicklung fort, droht der Bahn ein weiterer Tiefpunkt bei der Zuverlässigkeit.

Als zentrale Ursachen gelten der schlechte Zustand vieler Anlagen, Engpässe in großen Knoten und eine hohe Belastung einzelner Strecken. In Unterlagen für den Verkehrsausschuss des Bundestags heißt es, 2025 seien mehr als zehn Prozent der Züge auf Abschnitten gefahren, die zu über 115 Prozent ausgelastet waren. Die dadurch entstehenden Rückstaus haben demnach stark zugenommen: Innerhalb von zehn Jahren stiegen die sogenannten Stau-Verspätungen um 150 Prozent.

Gleichzeitig baut und saniert die Bahn in großem Umfang. Diese Arbeiten sollen das Netz langfristig leistungsfähiger machen, belasten den Betrieb aber während der Bauphasen zusätzlich. Die Kommission soll deshalb vor allem Antworten für die kommenden Jahre finden, in denen viele Baustellen parallel zum laufenden Verkehr bestehen bleiben.

Verbände warnen vor Kürzungen

Aus der Branche kommt deutlicher Widerspruch gegen die Idee, Fahrten zu streichen. Der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege, warnte, weniger Züge führten nicht automatisch zu mehr Pünktlichkeit. Werden die verbleibenden Verbindungen voller, könne das Abfertigen an den Bahnsteigen länger dauern. Aus Sicht des Verbands braucht die Schiene vor allem zusätzliche Kapazität.

Auch der Verband Die Güterbahnen lehnt eine pauschale Verringerung des Verkehrs ab. Geschäftsführer Peter Westenberger kritisierte den Ansatz, bei Problemen im Netz einfach weniger Leistungen anzubieten. Entscheidend seien die Ursachen: ausfallende Infrastruktur, mangelnde Koordination und eine bessere Kontrolle der Infrastrukturgesellschaft durch den Bund. Zudem verweist der Verband darauf, dass die Zugkilometer seit 2022 gesunken seien.

Die Debatte berührt damit einen Grundkonflikt der Bahnpolitik. Einerseits soll der Schienenverkehr wachsen, damit mehr Menschen und Güter von Straße und Flugzeug auf die Bahn wechseln. Andererseits ist das bestehende Netz an vielen Stellen so störanfällig, dass zusätzliche Züge den Betrieb weiter destabilisieren können. Die Kommission soll nun klären, ob ein robusterer Fahrplan mit weniger Verkehr kurzfristig hilft oder ob andere Maßnahmen Vorrang haben.