Wirtschaft · KI-Börsenboom
Anthropic-Pläne befeuern KI-Fantasie und Blasenwarnungen
Der geplante Börsengang des KI-Unternehmens Anthropic hat die Fantasie an den Börsen neu entfacht. In den USA legten Technologiewerte am Dienstag deutlich zu, besonders gefragt waren Halbleiteraktien. Gleichzeitig verschiebt sich die Debatte: Neben möglichen Milliardengewinnen für Gründer und Investoren geht es nun verstärkt um die Risiken einer überhitzten KI-Bewertung, hohe Fixkosten und Abhängigkeiten von wenigen großen Kunden und Cloud-Konzernen.
Technologiewerte ziehen wieder an
An der Wall Street schloss der Technologieindex Nasdaq am Dienstag 1,2 Prozent höher bei 26.478 Punkten. Der breitere S&P 500 stieg um 0,6 Prozent auf 7.723 Zähler. Der Dow-Jones-Index blieb nahezu unverändert und beendete den Handel bei 52.378 Punkten. Der Branchenindex für Halbleiter legte den dritten Handelstag in Folge zu.
Die Aussicht auf einen Börsengang von Anthropic wirkte dabei als Signal für neue Zuversicht im KI-Sektor. Viele Chipwerte hatten zuvor unter Druck gestanden. Nun setzen Anlegerinnen und Anleger darauf, dass der hohe Bedarf an Rechenleistung, Speicherchips und Cloud-Kapazitäten weiter anhält.
Auch Unternehmenszahlen aus Asien stützen diese Erwartung. Der südkoreanische Speicherchiphersteller SK Hynix meldete für das abgelaufene Quartal einen Rekordgewinn. Der operative Gewinn vervielfachte sich, der Umsatz stieg um 328 Prozent. Das Unternehmen beliefert unter anderem Nvidia und profitiert stark von der Nachfrage nach Hochleistungsspeichern für KI-Anwendungen. Die Aktie gewann rund zwei Prozent.
Parallel zeigt sich, wie kapitalintensiv der KI-Wettlauf geworden ist. Meta erhöhte eine Kapitalmaßnahme zur Finanzierung seiner KI-Pläne auf 97,5 Milliarden Dollar. Die Aktie des Konzerns gab danach um 1,6 Prozent nach.
Anthropic wächst rasant
Anthropic wurde 2021 gegründet und entwickelt KI-Modelle, die mit Angeboten anderer großer Anbieter konkurrieren. Das Unternehmen ist als Public Benefit Corporation organisiert. Es verfolgt damit neben Gewinnzielen auch einen gesellschaftlichen Auftrag, der auf verantwortungsvolle KI-Entwicklung ausgerichtet ist.
Im Umfeld des geplanten Börsengangs kursiert eine mögliche Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar. Ein konkreter Termin steht nicht fest; als möglicher Zeitraum gilt die Woche ab dem 16. November. Der veröffentlichte Börsenprospekt zeigt, wie stark das Geschäft zuletzt gewachsen ist. Ende September 2025 hatte Anthropic gut 950 Kunden, die innerhalb von zwölf Monaten jeweils mindestens 100.000 Dollar Umsatz brachten. Ein Jahr später lag diese Zahl bei mehr als 11.900. Mehr als 1.900 Kunden überschritten die Marke von einer Million Dollar, etwa 250 Kunden erreichten mehr als zehn Millionen Dollar.
Diese Dynamik kommt jedoch mit Risiken. Die fünf größten Kunden standen in den ersten neun Monaten 2026 für rund ein Viertel des Umsatzes. Viele Großkunden sind nicht langfristig gebunden. Dadurch kann sich die Nachfrage schneller verändern, als die Kostenstruktur des Unternehmens angepasst werden kann.
Hohe Kosten, enge Abhängigkeiten
Besonders deutlich werden die Risiken bei der Infrastruktur. Anthropic ist auf große Cloud-Plattformen angewiesen. Im ersten Halbjahr 2026 kamen 48 Prozent des Umsatzes über Plattformen wie Amazon Web Services, Google Cloud und Microsoft Azure zustande. Amazon und Google sind zugleich Investoren und wichtige Lieferanten von Rechenleistung.
Bestehende und geplante Vereinbarungen für KI-Infrastruktur werden auf rund 657 Milliarden Dollar geschätzt. Davon gelten etwa 417 Milliarden Dollar als nicht kündbar. Einschließlich weiterer verhandelter Hardware-Kapazitäten könnten die Verpflichtungen auf bis zu 806 Milliarden Dollar steigen. Für ein schnell wachsendes KI-Unternehmen ist das ein zentraler Punkt: Kunden können ihre Ausgaben kurzfristig senken, gebuchte Rechenkapazitäten müssen aber teilweise weiter bezahlt werden.
Hinzu kommen praktische Grenzen beim Ausbau. Strommangel, lokale Einwände gegen neue Rechenzentren und behördliche Moratorien können Projekte verzögern. Positiv ist, dass sich das Verhältnis von Umsatz zu Rechenkosten verbessert hat. Im ersten Quartal 2025 lagen die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur noch bei 251 Prozent des Umsatzes. Im zweiten Quartal 2026 waren es 48 Prozent.
Sicherheitsfragen und Kontrolle
Der Börsenprospekt nennt auch Sicherheitsrisiken. Anthropic schätzt, dass in den ersten neun Monaten 2026 fünf bis sieben Prozent des Umsatzes auf Kunden entfielen, bei denen Verstöße gegen Nutzungsregeln festgestellt wurden. Zudem warnt das Unternehmen vor Haftungsrisiken, falls KI-Systeme unerwartete Schäden verursachen. Für einen schweren KI-Vorfall könnte selbst die Versicherungswirtschaft an Grenzen stoßen.
Die Gründer sichern sich zugleich großen Einfluss. Die sieben Anthropic-Gründer sollen nach dem Börsengang gemeinsam 50,1 Prozent der Stimmrechte bei allgemeinen Aktionärsabstimmungen kontrollieren. Ein Treuhandgremium kann zudem die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmen und soll die langfristigen Gemeinwohlziele schützen.
Damit steht der geplante Börsengang für die doppelte Lage der KI-Branche: Die Erwartungen an Wachstum und Gewinne bleiben hoch. Gleichzeitig werden die Folgekosten, Konzentrationsrisiken und offenen Sicherheitsfragen sichtbarer. Für die Märkte ist Anthropic deshalb nicht nur ein möglicher Milliarden-IPO, sondern auch ein Test für die Belastbarkeit der gesamten KI-Euphorie.