Politik · Bundespräsidentenwahl
Union ringt um Steinmeiers Nachfolge
Die Suche nach der Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier entwickelt sich zu einer offenen Machtfrage in der Union. Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach Angaben aus seinem Umfeld noch keine Entscheidung getroffen, die CDU beansprucht aber als stärkste Kraft in der Bundesversammlung das Vorschlagsrecht. Gleichzeitig wirbt die CSU für die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner, während in der CDU mit der hessischen Fraktionschefin Ines Claus ein weiterer Name öffentlich diskutiert wird.
CDU will geordnetes Verfahren
Aus dem Umfeld von Merz heißt es, es gebe mehrere geeignete Persönlichkeiten für das Amt. Ein konkreter Vorschlag liege nicht vor. Als erster wichtiger Termin gilt der 9. November, wenn Präsidium und Vorstand der CDU beraten sollen. Bis dahin sind Gespräche mit den Landesvorsitzenden der CDU, mit Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sowie mit der CSU vorgesehen. Danach sollen auch SPD und Grüne einbezogen werden.
Die Wahl ist für den 30. Januar geplant. In der Bundesversammlung verfügen Union und SPD zusammen über eine Mehrheit von rund 50 Stimmen. Dennoch dringt die CDU-Führung auf eine breitere Absicherung im demokratischen Spektrum. Das Amt soll nicht nur rechnerisch, sondern auch politisch möglichst breit getragen werden.
Unionsfraktionschef Thorsten Frei setzte einen anderen Akzent. Er sprach sich klar dafür aus, dass erstmals eine Frau Staatsoberhaupt wird. Er halte zwar wenig davon, Debatten ausschließlich über Quoten zu führen, sagte aber, “es spricht sehr viel dafür”, dass eine Frau ins Schloss Bellevue einzieht. Zeitdruck sieht Frei nicht. Die Bundesversammlung trete erst Ende Januar zusammen. Einen ausdrücklichen Anspruch seiner Partei auf das Amt erhob er nicht und verwies darauf, dass die bestmögliche Person gefunden werden müsse.
Aigner bekommt Rückhalt
Die CSU hat ihren Wunsch bereits sichtbar gemacht. Parteichef Markus Söder stellte sich auf dem CSU-Parteitag hinter Ilse Aigner. Die bayerische Landtagspräsidentin erhält zudem Unterstützung aus der SPD. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch hat sich ebenfalls für sie ausgesprochen.
Auch weitere Stimmen aus SPD und Grünen äußern Sympathie für Aigner. Der frühere Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bezeichnete sie als engagierte Demokratin und als Frau “mit Herz und Verstand”. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour warb ebenfalls für sie. Er forderte eine Persönlichkeit, die das Land zusammenhalten könne und in der demokratischen Mitte wählbar sei.
Nouripour zeigte sich zugleich irritiert darüber, dass nun Ines Claus als mögliche Kandidatin genannt wird. Er verwies auf ihre Rolle in Hessen und stellte infrage, ob sie die nötige Autorität für das höchste Staatsamt mitbringe. Damit wird der Konflikt zwischen CDU und CSU auch für mögliche Partner bei der Wahl sichtbar.
Neuer Name aus Hessen
Ines Claus führt seit April 2020 die CDU-Fraktion im hessischen Landtag. Die Volljuristin arbeitete früher bereits im Landtag, unter anderem als persönliche Referentin des Landtagspräsidenten und im Bereich Europa und Internationale Beziehungen. Im März 2026 wurde sie zur stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden gewählt; sie erhielt 76 Prozent der Delegiertenstimmen.
Claus selbst hat ihr Interesse nicht dementiert. Es sei für sie “eine große Ehre”, in diesem Zusammenhang genannt zu werden, sagte sie. Zugleich verwies sie auf ein geordnetes Verfahren. Innerhalb der CDU werden neben Claus auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bildungsministerin Karin Prien und die frühere CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer als mögliche Kandidatinnen genannt. Im Gespräch sind außerdem Hessens Ministerpräsident Boris Rhein sowie die Juristen Udo Di Fabio und Stephan Harbarth.
Ob die Union sich am Ende auf eine Frau festlegt, ist offen. Merz hatte dafür Sympathie erkennen lassen, aber keine Festlegung getroffen. Frei spricht sich ebenfalls für eine Frau aus. Zugleich werden weiterhin auch Männer genannt.
Erste Frau im Amt möglich
Frank-Walter Steinmeier kann nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. In der Geschichte der Bundesrepublik stand noch nie eine Frau an der Spitze des Staates. Das verleiht der aktuellen Suche zusätzliche Bedeutung.
Die Debatte trifft die Union in einer sensiblen Lage. Die CDU beansprucht die Nominierung, die CSU hat mit Aigner aber bereits eine eigene Favoritin öffentlich nach vorn gestellt. Die SPD signalisiert Offenheit für diesen Vorschlag, bei den Grünen gibt es ebenfalls Zustimmung. Merz muss daher nicht nur eine Kandidatin oder einen Kandidaten finden, sondern auch die Reihen von CDU und CSU ordnen und eine Mehrheit über das eigene Lager hinaus sichern.