Politik · Jüdisches Leben
Jüdische Akademie in Frankfurt eröffnet
Die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main ist am Montag feierlich eröffnet worden. Die Einrichtung im Westend versteht sich als bundesweit wirkender Bildungsort außerhalb des Hochschulbetriebs und als Forum für jüdische Perspektiven in gesellschaftlichen Debatten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nutzte den Festakt für einen Appell an Politik und Gesellschaft: Antisemitismus dürfe weder relativiert noch parteitaktisch eingesetzt werden.
Steinmeier mahnt Parteien
Steinmeier forderte die demokratischen Parteien auf, Judenhass in den eigenen Reihen konsequent entgegenzutreten. Der Schutz jüdischen Lebens dürfe „niemals zur politischen Verhandlungsmasse werden“, sagte der Bundespräsident. Antisemitische Positionen dürften keinen Einfluss auf Regierungshandeln bekommen. Wer die Vernichtung von Jüdinnen und Juden oder des Staates Israel propagiere, dürfe in Parteien weder Zustimmung noch Verständnis finden.
Bei der Eröffnung waren neben Steinmeier auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef anwesend. Schuster bezeichnete die Akademie als „Meilenstein“. Sie solle sichtbar machen, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht auf Verfolgung, Bedrohung und Erinnerung an die Schoah reduziert werden dürfe.
Schuster sagte, die Einrichtung schließe eine Lücke in der Bildungslandschaft. Der Zentralrat werde häufig vor allem dann angesprochen, wenn es um antisemitische Vorfälle gehe. Die Akademie solle dagegen die Vielfalt jüdischer Gegenwart, jüdischer Kultur und jüdischer Debatten stärker in die Öffentlichkeit tragen.
Bildungsort für breite Öffentlichkeit
Die Akademie richtet sich nicht nur an jüdische Gemeinden und Institutionen, sondern ausdrücklich auch an ein allgemeines Publikum. Geplant sind internationale Konferenzen, Fachtagungen, öffentliche Podiumsdiskussionen und weitere Bildungsformate. Eine Zusammenarbeit besteht auch mit der Goethe-Universität in Frankfurt.
Inhaltlich sollen unter anderem Religion, Philosophie, Ethik, Geschichte, Erinnerungskultur, Politik, Gesellschaft, Kunst, Film und Literatur eine Rolle spielen. Auch Israel und der Nahe Osten gehören zu den Themenfeldern. Schuster betonte, kontroverse Fragen sollten dort nicht ausgespart werden. Dazu zählten auch Debatten über den Nahost-Konflikt.
Zugleich soll die Akademie Räume für innerjüdischen Austausch bieten. Verantwortliche der Einrichtung sehen sie aber nicht als abgeschlossenen Schutzraum, sondern als intellektuellen Treffpunkt, der öffentliche Diskussionen anstößt. Eine wichtige Rolle soll zudem der interreligiöse Dialog spielen, sowohl zwischen jüdischen und christlichen als auch zwischen jüdischen und muslimischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern.
Bau für rund 40 Millionen Euro
Der erste Spatenstich für das Gebäude erfolgte 2021. Die Projektkosten liegen bei rund 40 Millionen Euro. Getragen wird das Vorhaben vom Zentralrat der Juden sowie mit Unterstützung des Bundes, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt.
Die Idee für eine solche Akademie entstand bereits in den 2010er Jahren. Zunächst wurde ein Standort in Berlin gesucht, später fiel die Wahl auf Frankfurt. Ausschlaggebend waren unter anderem die zentrale Lage, die gute Erreichbarkeit und die lebendige jüdische Gemeinde in der Stadt. Hinzu kommt Frankfurts lange jüdische Tradition, auch in Wissenschaft und Kultur.
Nach der Eröffnung soll der Betrieb schrittweise anlaufen. Das reguläre Programm ist voraussichtlich für das Frühjahr 2027 geplant. Verantwortliche verweisen darauf, dass Bau und Planung durch die Corona-Pandemie, Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine, Fachkräftemangel und gestiegene Sicherheitsanforderungen erschwert wurden.
Einordnung
Die Akademie wird in einer Zeit eröffnet, in der jüdische Einrichtungen in Deutschland mit wachsender Sorge auf antisemitische Vorfälle blicken. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich die Lage für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland verschärft. Schuster sagte, wer behaupte, Judenhass habe keinen Platz in der Gesellschaft, verkenne die Wirklichkeit.
Der Zentralratspräsident sieht Bildung als ein zentrales Mittel gegen antisemitische Denkmuster. Die Akademie soll deshalb nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch gängige Bilder über jüdisches Leben hinterfragen. Sie setzt damit ein öffentliches Zeichen: Jüdische Gegenwart in Deutschland soll sichtbarer, selbstverständlicher und stärker als Teil der gemeinsamen Kultur verstanden werden.