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Politik · Künstliche Intelligenz

Streit über KI-Regeln erreicht Wahlkampf und Militär

Deepfakes im Wahlkampf, Druck auf Medien und autonome Systeme bei der Bundeswehr: Die Debatte über strengere KI-Vorgaben wird konkreter.

Presseonline-Redaktion · · 4 Min. Lesezeit

Symbolbild: Künstliche Intelligenz stellt Politik, Medien und Sicherheitsbehörden vor neue Kontrollfragen.
Symbolbild: Künstliche Intelligenz stellt Politik, Medien und Sicherheitsbehörden vor neue Kontrollfragen. KI-generiert

Die Auseinandersetzung um strengere Regeln für Künstliche Intelligenz verschärft sich in mehreren Bereichen zugleich. Im Wahlkampf geht es um Deepfakes und Kennzeichnungspflichten, in der Medienbranche um die Macht großer Plattformen, im Militär um die Frage, ob Menschen über Waffeneinsätze entscheiden müssen. Befürworter engerer Vorgaben warnen vor Desinformation und Kontrollverlust, während Unternehmen und Sicherheitsakteure auf Tempo, Effizienz und Verteidigungsfähigkeit verweisen.

Wahlkampf als Testfeld

In Israel zeigt sich derzeit, wie stark KI politische Kampagnen verändern kann. Im Wahlkampf verbreitete Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ein künstlich erzeugtes Video, das politische Rivalen in einer inszenierten Szene mit arabisch-israelischen Politikern verbindet. Die politische Botschaft ist klar: Eine Stimme für die Konkurrenz soll als Unterstützung für ein anderes Bündnis erscheinen.

Das Projekt „Ze Be AI“ der Open University in Israel erfasst rund 48.600 wahlbezogene Beiträge. Knapp 15 Prozent davon enthalten demnach KI-generiertes Material. Manche Inhalte sind leicht als künstlich zu erkennen, andere wirken deutlich glaubwürdiger. Dazu gehören bearbeitete Bilder, auf denen Politiker in Situationen erscheinen, die so nicht stattgefunden haben.

Tehilla Shwartz Altshuler vom Israel Democracy Institute sieht darin ein demokratisches Risiko. Sie spricht von Deepfakes und KI-Propaganda; Ziel sei es, „Polarisierung fördern, Konkurrenten verleumden, Desinformation verbreiten“. Die israelische Wahlkommission hat darauf reagiert. Seit Juli müssen KI-generierte oder mit KI veränderte Wahlkampfinhalte als solche markiert werden.

Die Kennzeichnungspflicht löst das Problem jedoch nur teilweise. Auch gekennzeichnete Videos können starke emotionale Botschaften transportieren. Hinzu kommt, dass KI nicht nur Bilder und Clips erzeugt, sondern Wahlkampfteams auch bei der Überwachung von Debatten unterstützt. Ein Projekt aus dem Umfeld Netanjahus durchsucht alle 90 Sekunden rund 50 Nachrichtenquellen nach Erwähnungen des Ministerpräsidenten, seiner Ehefrau, der Likud-Partei und politischer Gegner. Relevante Treffer werden automatisch zusammengefasst und an interne Gruppen weitergeleitet.

Plattformen erhöhen den Druck

Auch in Deutschland wird die Frage wichtiger, wie stark Politik große Technologiekonzerne regulieren soll. Ein Gutachten der Medienforscher Christian Zabel von der Technischen Hochschule Köln und Ulrike Rohn von der Universität Tallinn beschreibt vier mögliche Entwicklungen bis 2035. In allen Szenarien geraten private Medienunternehmen durch US-Plattformen und KI-Anwendungen wirtschaftlich stärker unter Druck.

Die Forscher gehen außerdem davon aus, dass Technologiekonzerne künftig noch stärker beeinflussen, welche Inhalte Nutzerinnen und Nutzer erreichen. Für Redaktionen könnte das gravierende Folgen haben. Die Zahl professioneller Journalistinnen und Journalisten sinkt in den untersuchten Szenarien um 12 bis 50 Prozent. Im drastischsten Fall würde sie sich nahezu halbieren.

Das Gutachten versteht sich nicht als Vorhersage, sondern als Darstellung möglicher Entwicklungen. Entscheidend seien unter anderem politische Eingriffe gegen die Marktmacht großer Plattformen, neue Geschäftsmodelle und mehr Zusammenarbeit zwischen Medienunternehmen. Empfohlen wird zudem eine verlässliche Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, weil er als stabilisierender Faktor gelten könne.

Militär drängt auf Tempo

Besonders umstritten ist der Einsatz von KI in der Verteidigung. Beim Defence TechDay in Erding präsentierten das Innovationszentrum der Bundeswehr und Bayern Innovativ ein Szenario, in dem Satelliten, Sensoren, Drohnen und unbemannte Fahrzeuge miteinander vernetzt sind. KI wertet Daten aus, Systeme tauschen Informationen aus, Bedrohungen sollen schneller erkannt und abgewehrt werden.

Die Bundeswehr hält derzeit am Prinzip „Human in the Loop“ fest. Danach muss ein Mensch den Einsatz von Waffen freigeben. Doch je schneller autonome Systeme Daten erfassen und weiterleiten, desto größer wird der Druck auf diese Entscheidungskette. Der Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München warnt: „Wenn die Entwicklung ungebremst weitergeht, wird der Mensch irgendwann zum Flaschenhals.“

Unternehmen aus der Rüstungs- und Robotikbranche bewerten mehr Autonomie dagegen als militärischen Vorteil. Der Gründer von ARX Robotics, Marc Wietfeld, argumentiert, unbemannte Systeme könnten Soldatinnen und Soldaten schützen und ihre Fähigkeiten deutlich erweitern. Sein Unternehmen baut den KI-gestützten Bodenroboter Gereon, der ferngesteuert oder autonom Material transportieren, aufklären und auch bewaffnet eingesetzt werden kann.

Kontrolle bleibt Kernfrage

Die Beispiele zeigen, warum KI-Regeln politisch so umkämpft sind. Im Wahlkampf geht es um Wahrhaftigkeit und faire demokratische Verfahren. In der Medienbranche steht die ökonomische Grundlage professioneller Öffentlichkeit unter Druck. Im Militär entscheidet die Geschwindigkeit technischer Systeme darüber, wie viel menschliche Kontrolle praktisch noch bleibt.

Damit verschiebt sich die Debatte: Es geht nicht mehr nur um abstrakte Risiken einer neuen Technologie. Regierungen, Unternehmen, Forschende und Sicherheitsakteure ringen um konkrete Grenzen, Zuständigkeiten und Haftung. Je stärker KI in politische Kommunikation, öffentliche Meinungsbildung und Verteidigung eingreift, desto schwieriger wird der Ausgleich zwischen Innovation, Sicherheit und Kontrolle.