Politik · Ukrainekrieg
Selenskyj warnt vor Lücken beim US-Rückhalt
Die Ukraine ringt um verlässliche Unterstützung aus den USA, während Russland seine Angriffe fortsetzt und Washington seinen Kurs gegenüber Moskau neu justiert. Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht das Satelliteninternet Starlink weiterhin eingeschränkt und warnt vor Folgen für ukrainische Drohnenoperationen. Zugleich prüft die US-Regierung ausgesetzte Russland-Sanktionen über einen Zeitraum von 60 Tagen. Donald Trump begründet den Schritt mit dem nationalen Interesse der USA; in Moskau wird das Dekret begrüßt. Für Kyjiw erhöht das den Druck in einer Phase, in der das Land militärisch stark auf westliche Hilfe angewiesen bleibt.
Streit um Starlink und Drohnen
Selenskyj erklärte, die Begrenzungen beim Satelliteninternet der US-Firma SpaceX behinderten die ukrainische Armee. Nach seiner Darstellung verfolgen die Satelliten keine Antennen auf Flugobjekten, die schneller als 161 Kilometer pro Stunde unterwegs sind. Das erschwere sowohl die Abwehr russischer Drohnen mit Strahlantrieb als auch eigene Angriffe auf mittlere Distanz.
Der ukrainische Präsident wertete die Einschränkungen als gezielte Maßnahme. Er sagte, die Ukraine habe Tests mit Fahrzeugen in EU-Staaten durchgeführt, die sich mit 180 Kilometern pro Stunde bewegten. Dabei sei die Verbindung nicht abgebrochen. Selenskyj verwies auf Aufzeichnungen und Belege. Wie belastbar solche Vergleiche sind, lässt sich jedoch schwer einschätzen. Zwischenzeitlich hieß es in Kyjiw unter Berufung auf das Militär, Starlink arbeite wieder ohne Begrenzung.
Die Debatte trifft die Ukraine an einem heiklen Punkt. Starlink ist für militärische Kommunikation, Aufklärung und Drohneneinsätze wichtig. Einschränkungen können deshalb direkte Auswirkungen auf Operationen haben, vor allem bei mobilen Einheiten und unbemannten Systemen.
Washington sucht Nähe zu Moskau
Parallel dazu wächst in Kyjiw die Sorge vor einem veränderten Kurs der US-Regierung. Trump setzt die Ukraine politisch unter Druck und strebt eine wirtschaftliche Annäherung an Russland an. Für Selenskyj ist diese Entwicklung kaum zu ignorieren, weil die Ukraine seit mehr als viereinhalb Jahren auf umfangreiche westliche Unterstützung angewiesen ist.
Die USA wollen ausgesetzte Sanktionen gegen Russland 60 Tage lang prüfen. Trump erklärte, dies liege „zum jetzigen Zeitpunkt im nationalen Interesse“. Selenskyj warnte dagegen, ein Aussetzen von Strafmaßnahmen könne Kremlchef Wladimir Putin zu weiteren Angriffen ermutigen. Russische Vertreter begrüßten den Schritt und argumentierten, wirtschaftliche Kooperation zwischen Washington und Moskau könne zur Stabilität beitragen.
Auch über mögliche Gespräche wird weiter spekuliert. Ein Dreiertreffen zwischen der Ukraine, den USA und Russland im Dezember gilt als möglich. Konkrete Ergebnisse gibt es bisher nicht.
Neue Angriffe auf beiden Seiten
Während diplomatisch gerungen wird, gehen die Angriffe weiter. In Saporischschja im Südosten der Ukraine starb nach Angaben der dortigen Militärverwaltung eine Frau bei russischen Attacken. Zwei Mehrfamilienhäuser wurden beschädigt. In Poltawa in der Zentralukraine kam ebenfalls eine Frau durch Drohnenangriffe ums Leben. Vier weitere Menschen wurden verletzt, neun Wohnhäuser trafen Trümmer oder Einschläge.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland insgesamt 180 Kampfdrohnen ein. 152 davon seien abgefangen worden. Einschläge wurden demnach an 20 Orten registriert. In der Region Winnyzja trafen Drohnen kritische Infrastruktur; es kam zu Stromausfällen.
Russische Behörden meldeten ihrerseits einen großen ukrainischen Drohnenangriff im Raum Sankt Petersburg. Der Regionalgouverneur Alexander Drosdenko sprach von 126 abgeschossenen Drohnen. Trümmer beschädigten demnach Wohnhäuser, Fahrzeuge und Stromleitungen. Ein Mensch kam ums Leben.
In Sankt Petersburg geriet ein Ölterminal in Brand, das bereits im Juni getroffen worden war. Der Flughafen Pulkowo schränkte vorübergehend den Betrieb ein; Passagiere und Beschäftigte wurden in gesicherte Bereiche gebracht. Nach russischen Angaben wurde außerdem ein Rechenzentrum getroffen, das zu einem großen Internetunternehmen gehört. Berichte über einen möglichen Treffer auf einer achtspurigen Brücke wurden von russischer Seite zunächst nicht bestätigt.
Energieziele wieder im Fokus
Die Angriffe zeigen, dass Infrastruktur erneut stärker in den Mittelpunkt rückt. Selenskyj hatte vor einigen Tagen erklärt, die von Trump angekündigte beiderseitige Pause bei Attacken auf Energieanlagen sei für ihn „aufgehoben“. Die Ukraine greift seit Langem Ziele in Russland an, um Moskaus Kriegsführung zu erschweren.
Für Kyjiw fällt diese Eskalation mit wachsender Unsicherheit über den wichtigsten Unterstützer zusammen. Militärisch bleibt die Ukraine auf Technik, Munition, Aufklärung und politische Rückendeckung aus dem Westen angewiesen. Jede Einschränkung bei Kommunikationssystemen und jede Annäherung Washingtons an Moskau verändert deshalb den Spielraum Selenskyjs.