Politik · Krieg gegen die Ukraine
Raketen auf Kiew trotz neuer Gesprächssignale
Russland hat Kiew in der Nacht erneut mit Raketen angegriffen, während Moskau zugleich neue Gespräche mit der Ukraine und den USA in Aussicht stellt. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko wurden in der ukrainischen Hauptstadt Wohnhäuser, eine Tankstelle und Teile einer U-Bahn-Brücke beschädigt. Mindestens 15 Menschen wurden verletzt. Präsident Wolodymyr Selenskyj signalisierte Gesprächsbereitschaft und brachte ein Festhalten an der derzeitigen Frontlinie als möglichen ersten Schritt zu einer Waffenruhe ins Spiel.
Schäden in Kiew und Alarm im Land
In Kiew mussten Bewohnerinnen und Bewohner während der Angriffe Schutzräume aufsuchen. Die ukrainische Luftwaffe warnte in den frühen Morgenstunden vor weiteren ballistischen Raketen, die auf die Hauptstadt zuflogen. Zuvor war am späten Abend die höchste Alarmstufe ausgelöst worden. Der Luftalarm erfasste zeitweise große Teile der Ukraine.
Klitschko erklärte, herabfallende Trümmer hätten Gebäude auf der östlichen Seite des Dnipro getroffen. Auch eine Tankstelle sei beschädigt worden. Später meldete er Schäden an einer Brücke der U-Bahn. Rettungskräfte prüften demnach, ob sich noch Menschen in betroffenen Gebäuden befanden.
Auch aus anderen Teilen der Ukraine wurden Angriffe und Luftalarm gemeldet. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, Hafenanlagen in Odessa seien massiv attackiert worden. Dabei seien auch Schiffe getroffen worden, die nach russischer Darstellung von der ukrainischen Armee genutzt wurden.
Moskau meldet Drohnenangriffe
Parallel berichteten russische Behörden von ukrainischen Drohnenangriffen auf die Region Moskau. Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, insgesamt seien 630 Drohnen in Richtung der Region gestartet worden. Die meisten seien von der Luftabwehr zerstört worden. Zwei Menschen wurden nach seinen Angaben durch Trümmerteile verletzt. 163 Drohnen sollen demnach auf Moskau zugeflogen sein.
Die gegenseitigen Angriffe fallen in eine Phase verstärkter diplomatischer Aktivitäten. Nach Angaben des Kremls hat Präsident Wladimir Putin einer Wiederaufnahme von Gesprächen mit der Ukraine und den USA grundsätzlich zugestimmt. Beginnen sollen sie nach dem 10. November. Ziel sei eine künftige Sicherheitsordnung für Russland und die Ukraine nach einem Ende des Krieges.
Dem vorausgegangen war ein etwa dreistündiges Treffen Putins mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff in St. Petersburg. An dem Gespräch nahmen nach Kremlangaben auch Putins Berater Juri Uschakow und der russische Gesandte Kirill Dmitrijew teil. Uschakow wies Vorschläge aus Europa und der Ukraine anschließend als wenig substanziell zurück.
Selenskyj fordert Waffenruhe
Selenskyj reagierte dennoch positiv auf die Aussicht neuer Gespräche. Er sprach sich dafür aus, möglichst bald Unterhändler zusammenzubringen, nach Möglichkeit bis Anfang November. Dabei könnten Friedensvorschläge und ein mögliches Treffen der Staats- und Regierungschefs Thema sein.
Als möglichen Einstieg in eine Waffenruhe nannte Selenskyj die derzeitige Frontlinie. In einem Interview sagte er: „Wir müssen sie jetzt einfrieren.“ Das sei aus seiner Sicht ein Weg, den Krieg zu beenden, und das Mindestmaß, das derzeit von Russland erwartet werde. Russland kontrolliert weiterhin Gebiete in der Ostukraine.
Experten äußern sich skeptisch zu den Erfolgsaussichten. Der frühere deutsche Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, wurde in den Quellen nicht genannt; der frühere Botschafter Wolfgang Wittig erwartet von möglichen Dreiergesprächen keinen Durchbruch. Er verweist darauf, dass zunächst nur Beratungen auf Expertenebene vorgesehen seien und Russland bislang nicht über einen Waffenstillstand sprechen wolle. Auch der Osteuropa-Experte Andreas Umland sieht derzeit keine ernsthafte Verhandlungsbereitschaft Moskaus.
Druck auf die USA
In Deutschland fordern die Grünen mehr Einsatz der Bundesregierung gegenüber Washington. Fraktionschefin Britta Haßelmann drängte Bundeskanzler Friedrich Merz, gemeinsam mit europäischen Regierungschefs auf weitere Unterstützung für Kiew hinzuwirken. Dabei geht es um den uneingeschränkten Zugang der Ukraine zum Satellitensystem Starlink und um zugesagte Abwehrraketen.
Selenskyj macht die US-Regierung für Einschränkungen bei Starlink und Verzögerungen bei der Lieferung von Abfangraketen verantwortlich. Washington weist diese Darstellung zurück. Die Debatte verschärft den Druck auf die westlichen Unterstützer der Ukraine, während die Angriffe auf ukrainische Städte weitergehen und neue Verhandlungen erst vorbereitet werden.