Politik · Krieg in der Ukraine
Neue Angriffe treffen Ukraine, Front bei Pokrowsk unter Druck
Russland hat die Ukraine erneut massiv aus der Luft angegriffen. Nach ukrainischen Angaben wurden am Dienstag zwei Menschen getötet, mindestens 90 weitere erlitten Verletzungen. In Charkiw traf ein russischer Angriff ein Krankenhaus; dort wurden mehr als 60 Menschen verletzt. Parallel verschärft sich die Lage im Osten: Das ukrainische Analyseprojekt Deepstate meldet russische Geländegewinne bei Dobropillja nördlich des Frontabschnitts Pokrowsk.
Druck im Osten wächst
Deepstate, das dem ukrainischen Militär nahesteht, verzeichnete russische Fortschritte in einem Ort sowie nahe einem Dorf südlich der Bergbaustadt Dobropillja in der Region Donezk. Die Stadt selbst wird auf der Karte des Projekts noch nicht als umkämpfte Grauzone geführt. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Mitte Oktober erklärt, Dobropillja werde weiter von ukrainischen Kräften kontrolliert.
Der Raum südlich von Dobropillja gehört zum Abschnitt um Pokrowsk. Die Stadt galt lange als wichtiger Verteidigungspunkt im Donbass. Russland hatte ihre Einnahme bereits im Dezember 2025 gemeldet. Neue Vorstöße in der Umgebung erhöhen nun den Druck auf ukrainische Stellungen nördlich und westlich dieses Frontbereichs.
Die Angriffe auf Städte im Hinterland laufen währenddessen weiter. Besonders Charkiw im Nordosten ist wiederholt Ziel russischer Attacken. Der aktuelle Treffer auf ein Krankenhaus unterstreicht die Belastung der zivilen Infrastruktur, während die Ukraine zugleich ihre Energieversorgung vor dem Winter sichern muss.
Berlin sagt weitere Hilfe zu
Selenskyj war am Dienstag in Berlin und traf Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Merz kündigte zusätzliche Winterhilfe in Höhe von 200 Millionen Euro an. Das Geld soll für humanitäre Unterstützung und die Absicherung der Energieversorgung eingesetzt werden. Je die Hälfte ist aus dem Auswärtigen Amt und dem Entwicklungsministerium vorgesehen. Der Bundestag muss die Mittel noch bewilligen.
Merz bekräftigte bei dem Treffen die deutsche Unterstützung. Er sagte an Selenskyj gerichtet: „Du hast Deutschland“ weiter an deiner Seite. Zugleich warb der Kanzler dafür, die Hilfe als deutsches Sicherheitsinteresse zu verstehen. Deutschland sieht sich inzwischen als wichtigster Unterstützer der Ukraine in Europa, während die USA unter Präsident Donald Trump eine zurückhaltendere Rolle einnehmen.
Am 19. November soll in Berlin ein Treffen der sogenannten Koalition der Willigen stattfinden. Dabei geht es um weitere Unterstützung für die Ukraine, auch mit Blick auf die kommenden Jahre. Merz verwies außerdem auf eine Verständigung innerhalb der Nato über militärische Hilfe für die Ukraine in Höhe von 70 Milliarden Euro im Jahr 2026.
Gespräche und politische Spannungen
Diplomatisch richtet sich der Blick auf neue Verhandlungen in Abu Dhabi. Dort sollen in der kommenden Woche Gespräche zwischen der Ukraine und Russland unter Vermittlung der USA beginnen. Merz forderte, Europa und die Ukraine müssten in Entscheidungen über einen möglichen Frieden eingebunden sein. Es sei aus seiner Sicht nicht hinnehmbar, wenn andere Staaten über die Zukunft der Ukraine verhandelten, ohne Kiew einzubeziehen.
Auch innenpolitisch steht die Ukraine unter Druck. Das Staatliche Ermittlungsbüro untersucht Vorwürfe, wonach Militärangehörige in einem Haus in der Region Kiew gegen ihren Willen festgehalten worden sein sollen. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez verlangte Aufklärung über das Vorgehen beteiligter Soldaten und Nationalgardisten.
Zudem werfen ukrainische Behörden der früheren Sprecherin Selenskyjs, Julia Mendel, Landesverrat vor. Der Geheimdienst SBU erklärte, sie betreibe Aktivitäten, die der Ukraine schadeten. Hintergrund sind öffentliche Äußerungen und Auftritte Mendels, die nach Darstellung der Behörden von russischer Propaganda genutzt worden seien.
Krieg vor dem fünften Winter
Der Krieg geht in den fünften Winter seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Für Kiew bleiben Luftverteidigung, Energieversorgung und die Stabilisierung der Front die zentralen Aufgaben. Die erneuten Angriffe zeigen, dass Russland weiter versucht, militärischen Druck mit Schlägen gegen Städte und Infrastruktur zu verbinden.
Für die europäischen Unterstützer wächst damit der politische Druck, Hilfen nicht nur kurzfristig bereitzustellen. Die angekündigte Winterhilfe aus Deutschland zielt vor allem darauf, zivile Versorgung und Energieanlagen widerstandsfähiger zu machen. Gleichzeitig dürfte die Entwicklung bei Dobropillja die Debatte über Waffenlieferungen und langfristige Sicherheitszusagen weiter prägen.