Politik · Union und Reformkurs
Merz setzt Union bei Reformen und AfD-Abgrenzung unter Druck
Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn auf eine rasche Rentenreform gedrungen und zugleich die Grenzen seiner Partei nach rechts und links betont. Der CDU-Vorsitzende stellte klar, dass er im Bund weiter mit der SPD regieren will, verlangte von der Koalition aber Tempo bei zentralen Reformen. Besonders scharf reagierte er auf Hinweise, wonach CDU-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt bei einer geheimen Wahl einen AfD-Politiker unterstützt haben könnten.
Warnung nach Wahl in Magdeburg
Merz verband seinen Auftritt vor der Parteijugend mit einer unmissverständlichen Ansage an die eigene Partei. Wer aus der CDU heraus meine, AfD-Politiker in staatliche Spitzenämter wählen zu müssen, habe in der CDU „nichts zu suchen“, sagte er. Damit stellte er Parteisanktionen bis hin zum Ausschluss in den Raum.
Anlass ist die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt. Da die Abstimmung geheim war, ist nicht öffentlich belegbar, wer für ihn gestimmt hat. Im Raum steht jedoch der Verdacht, dass auch Stimmen aus der CDU-Fraktion dazu beigetragen haben könnten. Merz machte daraus eine Grundsatzfrage der Abgrenzung zur AfD.
Auch mit Blick auf Berlin zog der Kanzler eine rote Linie. SPD und Grüne forderte er auf, keine Regierung mit der Linken anzustreben. Wer die politische Mitte stärken wolle, dürfe mit „Linksradikalen“ keine Gespräche führen, sagte Merz. Zugleich stellte er die Union als Kraft dar, die gegen Antisemitismus auftrete und das Existenzrecht Israels verteidige.
Rentenpaket soll zügig kommen
Im Zentrum des Auftritts stand auch die Sozialpolitik. Merz verlangte, die Vorschläge der Rentenreformkommission vollständig umzusetzen. Die Reform sei aus seiner Sicht überfällig. Dabei verwies er darauf, dass die Kommission auch bei der umstrittenen abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren Übergänge und Ausnahmen für bestimmte Gruppen von Beschäftigten vorgesehen habe.
Die Aussage richtet sich vor allem an den Koalitionspartner SPD und an Arbeitsminister Alexander Schweitzer. Merz betonte, die Empfehlungen der Kommission seien bereits das Ergebnis von Kompromissen. Weitere Aufweichungen stellte er damit infrage.
Nach dem Zeitplan des Kanzlers soll das Kabinett noch in diesem Jahr über das Rentenpaket entscheiden. Die erste Beratung im Bundestag ist demnach ebenfalls noch vor dem Jahreswechsel vorgesehen. Die abschließende Abstimmung soll zu Beginn des kommenden Jahres folgen.
Für die Junge Union ist die Rentenpolitik ein besonders sensibles Thema. Bereits im vergangenen Jahr hatte es in diesem Bereich deutliche Differenzen gegeben. Diesmal erhielt Merz bei seinem Auftritt wiederholt Applaus. Zugleich bleibt der Reformdruck hoch, weil Änderungen bei Rente, Gesundheit, Pflege und Arbeitsmarkt tief in soziale Sicherheiten eingreifen.
Absage an Minderheitsregierung
Spekulationen über einen Bruch der Koalition wies Merz zurück. Er wolle den Reformkurs „mit dieser Koalition gehen“, sagte der Kanzler. Diskussionen und Streit gehörten zu solchen Vorhaben dazu. Erst nach Entscheidungen könne wieder mehr Ruhe einkehren, sagte er sinngemäß.
Gleichzeitig warnte Merz vor Debatten über eine Minderheitsregierung ohne SPD. Solche Überlegungen schadeten aus seiner Sicht nicht nur dem Land, sondern auch der Union selbst. Damit versucht der CDU-Chef, die eigene Partei auf Regierungsfähigkeit einzuschwören und zugleich Druck auf die Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten.
An die SPD richtete er dennoch eine deutliche Mahnung. Sein Bekenntnis zum Bündnis bedeute nicht, „alles zu akzeptieren“. Wenn der Koalitionspartner Unionspolitik ohne nachvollziehbaren Grund als unmenschlich darstelle, müsse die CDU widersprechen, sagte Merz.
Einordnung
Der Auftritt zeigt die doppelte Herausforderung für Merz. Einerseits muss er der Jungen Union und konservativen Teilen der Partei vermitteln, dass die Regierung tatsächlich strukturelle Reformen angeht. Andererseits braucht er für jedes größere Vorhaben die SPD. Die Rentenreform wird damit zu einem Test für die Stabilität der Koalition.
Zugleich verschärft Merz die parteipolitische Grenzziehung. Gegenüber der AfD droht er der eigenen Partei mit Konsequenzen, gegenüber der Linken warnt er SPD und Grüne vor Zusammenarbeit. Der Kanzler verbindet damit Reformpolitik, Koalitionsdisziplin und Abgrenzung zu den politischen Rändern zu einer gemeinsamen Linie.