Politik · Krieg in der Ukraine
Lokale Feuerpause für Oleschky soll Evakuierung ermöglichen
Die Ukraine und Russland haben eine örtlich begrenzte Feuerpause für Oleschky im Gebiet Cherson vereinbart. Die Stadt steht unter russischer Kontrolle und liegt nahe der Front am Dnipro. Ziel ist es, Hilfslieferungen in die Stadt zu bringen und Zivilistinnen und Zivilisten eine Ausreise über einen geschützten Weg zu ermöglichen. Die Angaben zum Beginn weichen voneinander ab: Das Weiße Haus nannte den 29. Oktober, aus Kiew und Moskau wurde der 27. Oktober als Starttermin genannt.
Humanitäre Lage in Oleschky
Oleschky gilt seit Monaten als besonders gefährdet. In der Stadt fehlen Lebensmittel und Medikamente, außerdem gibt es keinen verlässlichen Zugang zu Strom, fließendem Wasser und Heizung. Zufahrtswege sind vermint, Drohnen überwachen das Gebiet. Hilfsorganisationen hatten wiederholt auf die Lage aufmerksam gemacht. Die Ukraine drängte seit Längerem auf eine zeitweise Einstellung der Kämpfe, um Menschen aus der Stadt zu bringen.
Vor dem russischen Angriffskrieg lebten rund 24.000 Menschen in Oleschky. Derzeit werden dort noch etwa 1.700 bis 2.000 Einwohnerinnen und Einwohner vermutet. Nach Angaben aus den USA handelt es sich vor allem um ältere Menschen; außerdem sollen etwa 50 Kinder in der Stadt sein. Russische Truppen nahmen Oleschky am ersten Tag der groß angelegten Invasion im Februar 2022 ein.
Der Kreml erklärte, alle Zivilistinnen und Zivilisten, die Oleschky verlassen wollten, sollten dies tun dürfen. Die Evakuierung werde voraussichtlich mehrere Tage benötigen. Aus ukrainischer Sicht soll die Vereinbarung zugleich Grundlage für länger nutzbare humanitäre Wege sein. Dawyd Arachamija, ein Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj, verwies auf Gespräche auf mehreren politischen Ebenen und nannte dabei auch die Rolle von Papst Leo XIV. sowie der US-First-Lady Melania Trump.
Vermittlung aus Washington und Rom
Das Weiße Haus erklärte, Melania Trump habe die Gespräche angestoßen und gemeinsam mit einem Vertreter mit beiden Kriegsparteien über Bedingungen der Feuerpause verhandelt. Sie beschrieb Oleschky als Stadt am Rand einer Katastrophe. Bereits zuvor hatte sie sich mit dem Schicksal von Kindern befasst, die infolge des Krieges von ihren Familien getrennt wurden, und sich dazu schriftlich an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gewandt.
Auch der Vatikan war in die Bemühungen eingebunden. Papst Leo XIV. hatte Putin Mitte Oktober in einem Telefonat zu einer Feuerpause für Oleschky aufgefordert. Dabei ging es um Lebensmittel, medizinische Versorgung und die freiwillige Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten.
Die Vereinbarung kommt in einer Phase, in der es zugleich Signale für neue Kontakte und weiter schwere Kämpfe gibt. Die Ukraine und Russland meldeten zuletzt einen weiteren Austausch von Kriegsgefangenen. Einige der Rückkehrer waren seit 2022 in russischer Gefangenschaft. Fünf von ihnen galten nach einer Explosion im Gefängnis von Oleniwka im Gebiet Donezk zwischenzeitlich als tot.
Neue Gespräche im November möglich
Selenskyj erwartet nach eigenen Angaben in der ersten Novemberhälfte technische Gespräche zwischen Unterhändlern der Ukraine, Russlands und der USA in Abu Dhabi. Er äußerte die Hoffnung, dass anschließend auch ein Treffen auf Ebene der Staats- und Regierungschefs folgen könnte. Für ein Abkommen verlangt Kiew Sicherheitsgarantien und eine langfristige Finanzierung der ukrainischen Streitkräfte.
Zugleich warf Selenskyj Russland vor, weiter dicht besiedelte Gebiete anzugreifen. Er sprach von mehreren Wellen ballistischer Raketen auf Kiew und dem Einsatz von Streumunition. Die russische Seite hatte sich zuletzt grundsätzlich offen für Gespräche gezeigt, betont aber eigene Sicherheitsforderungen.
Die Feuerpause von Oleschky ist damit kein Durchbruch für den gesamten Krieg, aber ein begrenzter humanitärer Schritt. Sollte sie halten, könnten erstmals seit längerer Zeit Menschen aus der eingeschlossenen Stadt gebracht und dringend benötigte Hilfsgüter geliefert werden. Für die Ukraine steht dabei auch die Frage im Vordergrund, ob lokale Vereinbarungen in anderen besonders betroffenen Frontorten wiederholbar sind.