Politik · Migration in Südkorea
Lee löst Streit über Arbeitsmigration aus
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung hat mit Aussagen über ausländische Beschäftigte eine heftige innenpolitische Auseinandersetzung ausgelöst. In einer Kabinettssitzung stellte er ihren wirtschaftlichen Beitrag infrage und verwies darauf, dass viele Beschäftigte Geld in ihre Herkunftsländer schicken. Oppositionspolitiker und Vertreter von Arbeitsmigranten wiesen die Darstellung zurück und verlangten eine Entschuldigung. Der Streit trifft ein Land, das wegen einer sehr niedrigen Geburtenrate und einer schrumpfenden Bevölkerung zunehmend auf Zuwanderung im Arbeitsmarkt angewiesen ist.
Präsident kritisiert Abhängigkeit von billiger Arbeit
Lee forderte, Südkoreas Wirtschaft solle weniger auf gering bezahlte ausländische Arbeitskräfte setzen. Besonders nannte er Branchen mit starkem Personalmangel, darunter Landwirtschaft und Fischerei. Dort solle der Staat nach seiner Vorstellung über Fördermittel Anreize schaffen, damit mehr Südkoreanerinnen und Südkoreaner solche Tätigkeiten übernehmen.
Die Äußerungen fallen in eine Phase, in der ausländische Beschäftigte für viele Betriebe eine wachsende Rolle spielen. Ihre Zahl ist zuletzt auf rund 1,1 Millionen gestiegen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen hängen in mehreren Bereichen von dieser Arbeitskraft ab, weil offene Stellen im Inland schwer zu besetzen sind.
Die Abgeordnete Choi Soo Jin von der konservativen People Power Party kritisierte Lees Argumentation. Mit dem Bevölkerungsrückgang sinke auch die Zahl der Erwerbstätigen, betonte sie. Ohne Arbeitsmigranten gerieten vor allem kleinere Firmen unter Druck. Choi stellte zudem infrage, auf welche Datengrundlage der Präsident seine Bewertung stütze.
Präsidialamt versucht Einordnung
Aus dem Regierungslager kam Unterstützung für Lee. Der Abgeordnete Kim Nam Joon von der Demokratischen Partei erklärte, der Präsident habe Fragen angesprochen, mit denen sich Südkorea befassen müsse. Das Präsidialamt bemühte sich zugleich, die Debatte zu beruhigen. Sprecherin Kang Yu Jung erklärte, Lee habe vor allem auf die schlechte Bezahlung in der Landwirtschaft hinweisen und bessere Arbeitsbedingungen anmahnen wollen.
Lee selbst verteidigte seine Position. Der Kampf gegen Benachteiligung müsse weitergehen, sagte er sinngemäß. Zugleich dürfe daraus keine übermäßige Begünstigung entstehen, die andere Haushalte benachteilige. Diese Argumentation verschärfte die Kritik von Gruppen, die in den Aussagen eine Abwertung ausländischer Beschäftigter sehen.
In der Debatte werden auch historische Parallelen gezogen. In den 1960er- und 1970er-Jahren arbeiteten viele Südkoreaner als Bergleute und Krankenschwestern in Westdeutschland oder auf Baustellen im Nahen Osten. Ihre Überweisungen halfen Familien in der Heimat und stärkten wirtschaftliche Beziehungen. Eine Regierungsumfrage zu ausländischen Einwohnern in Südkorea nennt zudem ein differenziertes Bild: Demnach verwenden sie etwa 37 Prozent ihres Einkommens im Land für ihren Lebensunterhalt, während rund 26 Prozent ins Ausland überwiesen werden.
Fachkräftemangel trifft alternde Gesellschaft
Der Konflikt zeigt ein Grundproblem der südkoreanischen Politik. Das Land altert schnell, zugleich werden weniger Kinder geboren. Damit schrumpft das Arbeitskräftepotenzial. Unternehmen suchen Personal, während die Politik darüber streitet, wie stark Migration diese Lücke schließen soll und unter welchen Bedingungen ausländische Beschäftigte arbeiten.
Die Auseinandersetzung ähnelt Debatten in Europa: Auch dort stehen Fachkräftemangel, niedrige Löhne in bestimmten Branchen, Integration und die gesellschaftliche Akzeptanz von Migration im Zentrum politischer Konflikte. In Südkorea kommt hinzu, dass das Land lange stark auf kulturelle Homogenität setzte und Zuwanderung erst in jüngerer Zeit sichtbarer geworden ist.
Seoul als Bühne für Wirtschaftspolitik
Parallel steht Südkorea auch im Mittelpunkt wirtschaftspolitischer Gespräche mit Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz warb in Seoul zum Abschluss seiner fünftägigen Asienreise für ein engeres Netz von Handelsabkommen. Bei der Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft nahmen rund 1.000 Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und dem indopazifischen Raum teil.
Merz sprach sich für neue Freihandelsvereinbarungen der Europäischen Union aus, unter anderem mit dem Staatenbund Asean. Zuvor hatte er bereits in Singapur und Japan für eine stärkere Verbindung gleichgesinnter Handelspartner geworben. Südkoreas Ministerpräsidentin Han Seong Sook hob die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Deutschland hervor, besonders bei Batterien, Halbleitern und künstlicher Intelligenz in der Industrieproduktion.
Damit laufen in Seoul zwei zentrale Debatten zusammen: Wie sichern alternde Industriestaaten Arbeitskräfte, und wie bleiben sie in einer unsicheren Weltwirtschaft konkurrenzfähig? Für Südkorea ist Migration dabei längst nicht mehr nur ein soziales Thema, sondern Teil der wirtschaftlichen Zukunftsfrage.