Politik · Krieg in der Ukraine
Hilfskonvoi erreicht Frontstadt Oleschky
In der russisch besetzten ukrainischen Frontstadt Oleschky sind nach Räumarbeiten an verminten Zufahrten Hilfstransporte angelaufen. Die seit Dienstag geltende örtliche Feuerpause wurde am Freitag von beiden Seiten als stabil beschrieben. Mehrere Dutzend Tonnen Güter sollen die verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohner erreichen, darunter Lebensmittel, Hygieneartikel, Treibstoff für Notstromaggregate und weitere dringend benötigte Versorgungsgüter. Am Wochenende sollen zudem Menschen über einen humanitären Korridor aus der Stadt gebracht werden.
Hilfe erreicht abgeschnittene Stadt
Oleschky liegt am Dnipro gegenüber der Gebietshauptstadt Cherson. Die Stadt ist seit den ersten Wochen des russischen Angriffskriegs besetzt und wurde nach dem russischen Rückzug aus Cherson im November 2022 zur Frontstadt. Von früher rund 24.000 Einwohnerinnen und Einwohnern leben dort noch etwa 1.700 bis 2.000 Menschen.
Die humanitäre Lage gilt seit Monaten als äußerst kritisch. Zufahrten waren vermint, Transporte wurden durch Minen und Drohnenangriffe erschwert oder verhindert. In der Stadt fehlen fließendes Wasser, Medikamente und ausreichend Lebensmittel. Die nun vereinbarte Feuerpause soll genau diese Versorgungswege öffnen und Evakuierungen ermöglichen.
Nach Angaben der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa wurden in Oleschky Hilfsgüter an die Bevölkerung übergeben. Auch der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Ljubinetz traf am Freitag in der Stadt ein. Damit hält sich erstmals seit Beginn des Krieges ein offizieller Vertreter der Ukraine in einer russisch besetzten ukrainischen Stadt auf.
Busse für Evakuierungen bereitgestellt
Für die Ausreise aus Oleschky wurden 25 Busse mit zusammen mehr als 750 Plätzen bereitgestellt. Die Evakuierung ist in zwei Richtungen organisiert: Einige Menschen wollen nach Russland oder in russisch kontrollierte Gebiete, andere in den von Kyjiw kontrollierten Teil der Ukraine. Beide Gruppen sollen die Möglichkeit zur Ausreise erhalten.
Zu der Zahl der Menschen, die in ukrainisch kontrolliertes Gebiet gebracht werden wollen, wurde zwischenzeitlich die Angabe 527 genannt. Der ukrainische Regierungschef Serhij Korezkyj zog eine konkrete Zahl später zurück und verwies auf die besondere Sensibilität des Vorgangs.
Die Feuerpause ist auf Oleschky und die Umgebung beschränkt. Sie gilt vom 27. Oktober bis einschließlich 1. November. Auch Cherson auf der anderen Seite des Dnipro profitiert davon, weil dort seit Beginn der lokalen Vereinbarung ebenfalls Ruhe gemeldet wurde. Am Freitag waren mehr als 80 Stunden vergangen, ohne dass ein Bruch der Abmachung bekannt wurde.
Vermittlung durch USA und Vatikan
Die Vereinbarung kam unter Vermittlung der US-amerikanischen First Lady Melania Trump zustande. Papst Leo XIV. setzte sich in Telefonaten mit Russlands Präsident Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ebenfalls für eine humanitäre Feuerpause ein.
Zwischen Moskau und Kyjiw gab es zuvor über längere Zeit keine Einigung über eine Evakuierung aus Oleschky. Die aktuelle Mission ist deshalb auch politisch bedeutsam: Sie zeigt, dass begrenzte Absprachen selbst an einem besonders umkämpften Frontabschnitt möglich sind, wenn sie klar auf humanitäre Fragen begrenzt werden.
Gleichzeitig bleibt das gegenseitige Misstrauen groß. Ljubinetz und Lantratowa stehen zwar regelmäßig in Kontakt, etwa bei Gefangenenaustauschen, der Übergabe sterblicher Überreste und bei juristischen Dokumenten. In der Ukraine gibt es aber erhebliche Vorbehalte gegen Lantratowa. Der ukrainische Geheimdienst SBU warf ihr 2024 eine Beteiligung an der Verschleppung ukrainischer Kinder aus Cherson vor.
Kaum Hoffnung auf längere Ruhe
Eine Ausweitung oder Verlängerung der örtlichen Waffenruhe gilt als unsicher. Abseits von Oleschky dauern Angriffe und Gegenschläge an. In der Nacht zum Donnerstag wurden bei einem russischen Angriff auf einen Bahnhof in Dnipro 15 Menschen getötet. Die Ukraine griff zudem nach zwei Wochen Pause wieder eine russische Raffinerie in der Region Samara an. In Moskau mussten mehrere Flughäfen wegen ukrainischer Drohnen zeitweise den Betrieb stoppen.
Die Hilfsaktion fällt in eine Phase, in der die US-Regierung besonders auf Verhandlungen und Kompromisse für ein Ende des Krieges drängt. Kurz vor den Zwischenwahlen in den USA erhält die begrenzte Vereinbarung damit zusätzliche politische Aufmerksamkeit. Für die Menschen in Oleschky zählt zunächst, ob die wenigen Tage Ruhe ausreichen, um Hilfe zu verteilen und sichere Ausreisen zu organisieren.