Politik · Proteste in Frankreich
Frankreich ringt nach Krawallen um Erklärung
Nach schweren Ausschreitungen bei einem landesweiten Protesttag am Samstag steht Frankreich weiter unter dem Eindruck der Gewalt. Die Polizei nahm landesweit etwa 2.500 Personen fest beziehungsweise in Gewahrsam. Fast 150 Betroffene befinden sich inzwischen in Haft, teils nach Schnellverfahren, teils in Untersuchungshaft. In Paris machen Behörden zwei verschiedene Gruppen für die Eskalation verantwortlich: organisierte Gewalttäter mit politischem Anspruch und Menschen, die das Durcheinander für Plünderungen nutzten.
Regierung verweist auf Linksradikale
Premierminister Sébastien Lecornu sieht die Hauptverantwortung bei Aktivisten aus dem linksextremen Spektrum. Nach seiner Darstellung traten sie organisiert auf und nutzten digitale Kanäle zur Mobilisierung. Lecornu sprach von einer methodischen Vorgehensweise, die aus seiner Sicht bereits am Morgen in Marseille sichtbar gewesen sei.
Diese Einordnung wird von den Ermittlungsbehörden bislang nicht in dieser Eindeutigkeit bestätigt. Die Pariser Oberstaatsanwältin Laure Beccuau erklärte, viele Festgenommene machten keine Angaben zu politischen Überzeugungen. Dadurch lasse sich die Motivation nicht bei allen eindeutig bestimmen. Die Ermittlungen konzentrieren sich zudem zunächst auf weniger schwere Vorwürfe, während komplexere Verfahren noch laufen.
In Limoges wurde im Zusammenhang mit dem in Brand gesetzten Rathaus ein Verdächtiger festgenommen. Der Mann gilt den Behörden als linksextremer Gefährder und war bereits wegen Gewaltdelikten bekannt. Der Fall spielt in der politischen Debatte eine zentrale Rolle, weil er das Bild einer gezielten Eskalation stützt. Gleichzeitig zeigen die bisherigen Angaben aus Paris, dass nicht alle Vorfälle demselben Muster folgen.
Zwei Gruppen in Paris
Für die Ausschreitungen in der Hauptstadt unterscheiden die Behörden zwischen den Ereignissen am Nachmittag und den Plünderungen später am Tag. Am Place de la République seien zunächst organisierte Randalierer aufgetreten. Sie hätten sich meist einem politischen Ziel zugeordnet, das überwiegend im linken Spektrum liege, erklärte Sacha Straub-Khan, Sprecher des Justizministeriums.
Davon getrennt bewertet das Ministerium jene Gruppen, die später durch Geschäftsviertel zogen und Läden überfielen. Sie seien nicht in gleicher Weise politisch geprägt gewesen. Nach Angaben von Beccuau bemerkte die Polizei ab etwa 16 Uhr an mehreren Pariser Bahnhöfen Personen, die offenbar in die Stadt kamen, um die Lage auszunutzen. Später sollen Teile dieser Gruppe an Angriffen auf Geschäfte beteiligt gewesen sein.
Die Unterscheidung ist für die weitere Aufarbeitung wichtig. Sie entscheidet darüber, ob die Behörden vor allem von einer politisch geplanten Gewalteskalation ausgehen oder von einer Mischung aus Protest, situativer Gewalt und Kriminalität. Für die Regierung ist die Deutung politisch heikel, weil sie über den Umgang mit künftigen Demonstrationen und Sicherheitsmaßnahmen mitbestimmt.
Viele Festgenommene aus Vororten
Bei den bisher ausgewerteten Fällen zeigt sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft, dass zahlreiche Plünderer aus Vororten rund um Paris kamen, darunter aus Seine-Saint-Denis, Nanterre und Créteil. Diese Gebiete sind sozial belastet, viele Menschen leben dort unterhalb der Armutsgrenze. Die Herkunft aus solchen Vierteln erlaubt jedoch keine einfache politische oder migrationsbezogene Erklärung.
Justizminister Gérald Darmanin beschrieb das Profil der Festgenommenen als gemischt. Nach seinen Angaben waren 95 Prozent der Beteiligten an den Straftaten Männer. Rund 70 Prozent der Festgenommenen seien Erwachsene gewesen. Unter ihnen seien Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte, Personen ohne französischen Pass, aber auch französische Staatsbürger und gut integrierte Personen.
Die Behörden betonen damit, dass sich die Gruppen nicht auf ein einheitliches Milieu reduzieren lassen. Auch viele junge Menschen aus den Vororten sind französische Staatsangehörige oder können unter bestimmten Voraussetzungen mit 18 Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen, wenn sie in Frankreich geboren wurden. Der soziale Hintergrund der Viertel bleibt dennoch ein Faktor, der in der Debatte über Gewalt, Ausgrenzung und Polizei eine Rolle spielt.
Debatte über Sicherheit und Protest
Die Ausschreitungen fallen in eine Phase erhöhter sozialer Spannung in mehreren europäischen Ländern. In Frankreich kommt es derzeit in verschiedenen Städten zu heftigen Protesten, während auch in Italien Demonstrationen und Blockaden wegen hoher Preise eskalieren. Der französische Fall unterscheidet sich jedoch durch die Kombination aus politischer Mobilisierung, urbaner Gewalt und späteren Plünderungen.
Für Frankreich geht es nun um strafrechtliche Aufklärung und um die politische Bewertung des Protesttags. Die hohe Zahl der Festnahmen zeigt den Umfang der Eskalation. Zugleich machen die unterschiedlichen Profile der Beteiligten eine einfache Erklärung schwierig. Regierung, Justiz und Sicherheitsbehörden stehen vor der Aufgabe, gezielte Gewalt zu verfolgen, ohne die Protestbewegung insgesamt pauschal einzuordnen.