Politik · G20 in Atlanta
Europäer verhindern G20-Gruppenfoto mit Lawrow
Beim Treffen der G20-Außenministerinnen und Außenminister in Atlanta ist das übliche gemeinsame Gruppenbild ausgefallen. Europäische Teilnehmer lehnten es ab, zusammen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow für ein Foto zu posieren. Bundesaußenminister Johann Wadephul begründete die Linie mit Russlands Krieg gegen die Ukraine: Es gebe „keine Normalität mit Russland“. Zugleich laufen die Beratungen mit Lawrow am Tisch weiter.
Foto fällt aus
Das Treffen der Gruppe führender Industrie- und Schwellenländer begann am Freitag im US-Bundesstaat Georgia. Lawrows Teilnahme war erst Mitte der Woche von Moskau bestätigt worden. Sie sorgt wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine für erhebliche politische Spannung. Wadephul sagte vor Beginn der Beratungen, es dürften keine „falschen optischen Signale“ entstehen.
Der deutsche Außenminister betonte zugleich, dass Gespräche mit Russland notwendig blieben. Es sei wichtig, Lawrow im Plenum direkt mit der europäischen Position zu konfrontieren. Wadephul formulierte es so: „Das ist notwendig, dass wir miteinander sprechen und dass wir auch Sergej Lawrow unsere Meinung klar sagen.“ Ein gemeinsames Foto hätte aus seiner Sicht dagegen Nähe und Zusammengehörigkeit vermittelt. „Eine solche Familie sind wir nun mit Russland zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht“, sagte er.
Die europäischen Staaten hatten sich vor Ort eng abgestimmt. Auch mit Partnern außerhalb Europas gab es Gespräche über den Umgang mit dem russischen Außenminister. Kanadas Außenministerin Anita Anand nahm an der Eröffnungssitzung nicht teil; offiziell wurden Terminfragen genannt.
Am Konferenztisch war Lawrow dennoch eingebunden. Er saß zwischen den Vertretern Saudi-Arabiens und Mexikos. US-Außenminister Marco Rubio platzierte den polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski unmittelbar neben sich. Polen ist kein G20-Mitglied, war aber zu den Beratungen eingeladen. Sikorski gilt als besonders scharfer Kritiker der russischen Kriegsführung gegen die Ukraine.
Ukraine und Iran im Mittelpunkt
Inhaltlich stehen die russische Invasion in der Ukraine und der Krieg im Iran im Vordergrund. Beide Konflikte wirken sich auf die Weltwirtschaft aus. Der Krieg in der Ukraine erschwert den Handel mit Getreide und Dünger über das Schwarze Meer. Wadephul nannte den Getreidetransport aus der Ukraine und aus Russland in Staaten des globalen Südens ein zentrales Thema der Gespräche.
Der Außenminister zeigte sich vorsichtig optimistisch, dass in den kommenden Wochen Fortschritte möglich seien. Den gesamten Ukraine-Krieg werde das Treffen nicht lösen, sagte er sinngemäß. Es gehe aber darum, Russland zu Verhandlungen zu drängen. Europa werde die Ukraine weiter unterstützen und den Druck auf Moskau erhöhen, solange Russland nicht zu ernsthaften Gesprächen bereit sei.
Auch der Iran-Krieg belastet die Beratungen. Die USA hatten den Krieg gemeinsam mit Israel begonnen und Partnern wiederholt zu wenig Unterstützung vorgeworfen. Die Lage an der Straße von Hormus beeinträchtigt den Schiffsverkehr und treibt die Preise für Öl und Gas nach oben. Wadephul warnte vor einer neuen militärischen Eskalation nach den US-Zwischenwahlen und warb für mehr Diplomatie.
Rubio wirbt für Zusammenarbeit
Rubio rief die G20-Staaten zum Auftakt auf, gemeinsam für Stabilität und wirtschaftliche Sicherheit einzutreten. Er warnte, geopolitische und wirtschaftliche Krisen gefährdeten Handel, Energie- und Lebensmittelversorgung sowie offene Seewege. Die G20 müssten diesen Risiken gemeinsam begegnen, sagte der US-Außenminister. Am Samstag sollen die Ministerinnen und Minister über Lieferketten beraten.
Das Treffen in Atlanta dient auch der Vorbereitung des G20-Gipfels der Staats- und Regierungschefs am 14. und 15. Dezember in Miami. Dort werden unter anderem US-Präsident Donald Trump, Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Chinas Staatschef Xi Jinping erwartet. Trump hat auch Russlands Präsident Wladimir Putin eingeladen. Ob Putin nach Miami reist, ist offen.
Der Streit um das Gruppenfoto zeigt, wie stark protokollarische Gesten in der Diplomatie politisch aufgeladen sind. Die europäischen Teilnehmer wollen Gespräche mit Russland nicht abbrechen, aber keine Normalität vortäuschen. Damit verläuft die Linie zwischen Gesprächsbereitschaft und demonstrativer Distanz.