Politik · Satellitensicherheit
Europa schärft Blick auf Satellitenrisiken
Nach der ungewöhnlich engen Annäherung russischer Militärsatelliten an einen westlichen Radarsatelliten nimmt die europäische Debatte über den Schutz von Kommunikations- und Weltrauminfrastruktur an Schärfe zu. Im Zentrum stehen mögliche Störungen, Sabotage und Spionage im Orbit, aber auch die Abhängigkeit der Ukraine vom Starlink-Netz für Frontkommunikation, Aufklärung und Drohneneinsätze. In Deutschland beraten Sicherheitsbehörden zugleich Unternehmen aus sicherheitsrelevanten Branchen zu Schutzmaßnahmen gegen physische und digitale Angriffe.
Auffällige Manöver im Orbit
Der russische Satellit Kosmos 2612 hat sich am Sonntagmorgen dem Radarsatelliten Iceye-X36 außergewöhnlich stark genähert. Der niederländische Astronom und Satellitenbeobachter Marco Langbroek schätzte die Distanz auf wenige Hundert Meter, möglicherweise auch weniger. Weitere Beobachtungen bestätigten demnach die Annäherung.
Iceye-X36 stammt vom finnischen Radarsatellitenhersteller Iceye. Die Finanzierung erfolgte teilweise über Spenden aus der Ukraine. Der Satellit ist in den USA registriert und wird von der Ukraine militärisch genutzt. Kosmos 2612 war im April zusammen mit drei weiteren russischen Satelliten gestartet worden. Diese näherten sich Iceye-X36 bereits im Mai bis auf rund 2,5 Kilometer. Danach verlegte Iceye den Satelliten auf eine andere Position, die russischen Satelliten folgten.
Seit Ende September bewegte Kosmos 2612 sich weiter in Richtung der Bahn und Höhe von Iceye-X36. Clayton Swope vom Center for Strategic and International Studies erklärte, der russische Satellit befinde sich dadurch in einer Position, aus der er mit geringem Energieaufwand sehr nahe an Iceye-X36 herankomme.
Sorge vor Störung und Sabotage
Welche Absicht hinter dem russischen Manöver steht, ist offen. Swope nannte mehrere Möglichkeiten: Die Annäherung könne zufällig sein, Kosmos 2612 könne in einen anderen Orbit wechseln. Denkbar sei aber auch, dass der Satellit Signale von Iceye-X36 stören soll. Ebenso könne er mit einem Laser oder einer anderen Waffe ausgerüstet sein, die den westlichen Satelliten beschädigen oder zerstören könnte.
Russland hat bereits früher verdächtige Bewegungen in der Nähe westlicher Satelliten ausgeführt. Ein Waffeneinsatz im All ist in diesem Zusammenhang bislang nicht bekannt geworden. Die Sorge wird jedoch durch andere sicherheitspolitische Entwicklungen verstärkt. Swope verwies auf Cyberangriffe, Störungen von GPS-Signalen und mutmaßliche Drohnenvorfälle. Russland teste auf der Erde Grenzen aus; deshalb wäre ein ähnliches Vorgehen im Weltraum nicht überraschend.
Auch andere Staaten geraten wegen Manövern im Orbit in den Blick. Ein mutmaßlicher chinesischer Aufklärungssatellit näherte sich zuletzt einem Kommunikationssatelliten von Inmarsat. Als mögliches Ziel gilt das Abhören von Kommunikation. Über das Netz des britischen Satelliten-Telekommunikationsunternehmens kommuniziert unter anderem die Bundeswehr.
Starlink als kritische Kriegsinfrastruktur
Die Debatte betrifft auch Starlink. Das von Elon Musks Unternehmen betriebene Netz ist für die Ukraine von zentraler Bedeutung. Es unterstützt dort die Kommunikation an der Front, den Austausch von Aufklärungsdaten und Teile des Drohneneinsatzes. Damit entsteht eine strategische Abhängigkeit von einem privaten US-Unternehmen.
Diese Abhängigkeit gilt als sicherheitspolitisches Risiko. Wenn der Zugang eingeschränkt würde oder politische Interessen Einfluss auf die Nutzung nähmen, könnte das unmittelbare Folgen für militärische Abläufe der Ukraine haben. Die Diskussion über eigene europäische Fähigkeiten in der Satellitenkommunikation gewinnt dadurch zusätzliches Gewicht.
Behörden beraten Unternehmen
Auch am Boden wächst der Schutzbedarf. In Rheinland-Pfalz sieht Innenminister Achim Schwickert Einrichtungen der Energieversorgung, militärische Anlagen, Rüstungsunternehmen und deren Dienstleister verstärkt im Fokus politisch motivierter und staatlich gelenkter Bedrohungen. Kritische Infrastruktur umfasst Bereiche, deren Ausfall zu Versorgungsengpässen, Problemen der öffentlichen Sicherheit oder schweren Folgeschäden führen kann. Dazu zählen Energie, Informationstechnik, Transport und Verkehr.
Seit 2024 wurden in Rheinland-Pfalz bis Ende September 13 Straftaten gegen Ziele aus Infrastruktur, Militär, Justiz sowie Handel und Wirtschaft erfasst. Die meisten Fälle betrafen militärische Einrichtungen. Registriert wurden unter anderem Blockaden, unbefugtes Betreten, Sachbeschädigungen, Drohnenüberflüge, Ausspähversuche mit Foto- oder Videoaufnahmen, der Diebstahl von Militäreigentum und Blendversuche gegen Kampfflugzeugpiloten mit Laserpointern.
Die Sicherheitsbehörden informieren Unternehmen der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie über politisch motivierte Kriminalität und hybride Bedrohungen. Dabei geht es um organisatorische, personelle und technische Maßnahmen gegen Angriffe vor Ort und aus dem Cyberraum. Die Kombination aus Vorfällen im Orbit, digitalen Angriffsmöglichkeiten und physischen Attacken zeigt, dass Satelliten- und Kommunikationsinfrastruktur nicht mehr getrennt von klassischer Sicherheitspolitik betrachtet werden kann.