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Politik · Digitale Plattformen

EU erhöht Druck auf TikTok wegen Algorithmus

Die EU-Kommission wirft TikTok vor, Risiken für die psychische Gesundheit nicht ausreichend zu begrenzen. Im Fokus steht die personalisierte „Für Dich“-Seite.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Die EU-Kommission nimmt Empfehlungssysteme großer Videoplattformen stärker in den Blick.
Symbolbild: Die EU-Kommission nimmt Empfehlungssysteme großer Videoplattformen stärker in den Blick. KI-generiert

Die EU-Kommission verschärft ihr Vorgehen gegen TikTok. Nach vorläufiger Einschätzung verstößt die Videoplattform gegen Vorgaben des Digital Services Act, weil ihr Empfehlungssystem Nutzende zu lange in belastenden Inhalten halten kann. Die Behörde forderte am Freitag Änderungen an der „Für Dich“-Seite. Bleibt TikTok aus Sicht der Kommission untätig, drohen hohe Geldbußen.

Personalisierte Videos im Fokus

Im Zentrum steht der Algorithmus, der entscheidet, welche Videos auf der Startseite erscheinen. Die Kommission kritisiert, dass das System unter anderem die Verweildauer bei einzelnen Clips und Reaktionen wie Likes als Signal nutzt. Wer Inhalte zu einem bestimmten Thema länger ansieht, bekommt demnach vermehrt ähnliche Beiträge angezeigt.

Problematisch ist das nach Einschätzung der EU besonders bei sensiblen Themen. Genannt werden Inhalte rund um Traurigkeit, Einsamkeit, Gewicht oder Körperbild. Die Kommission sieht die Gefahr, dass solche Empfehlungen psychische Belastungen verstärken können. Betroffen seien insbesondere Kinder und Jugendliche, die als besonders schutzbedürftig gelten.

Die Behörde spricht in diesem Zusammenhang vom Rabbit-Hole-Effekt. Gemeint ist, dass Nutzerinnen und Nutzer immer tiefer in ein Thema hineingezogen werden und sich schwer davon lösen können. Bei einer Plattform mit kurzen Videos kann das dazu führen, dass fortlaufend ähnliche Beiträge folgen und die App über längere Zeit genutzt wird.

EU verlangt mehr Kontrolle für Nutzende

Nach Auffassung der Kommission reichen die bisherigen Maßnahmen von TikTok nicht aus. Die Plattform bietet zwar Möglichkeiten, bestimmte Inhalte seltener anzeigen zu lassen, etwa über die Auswahl „Nicht interessiert“. Aus Sicht der EU verändert das die grundlegende Logik der Empfehlungen aber nicht ausreichend.

TikTok soll die Funktionsweise der „Für Dich“-Seite daher deutlich umbauen. Die Empfehlung von Videos soll nicht mehr maßgeblich davon abhängen, wie lange ein einzelner Clip angesehen wird. Nutzerinnen und Nutzer sollen außerdem stärker selbst bestimmen können, welche Inhalte ihnen angezeigt werden.

Die Kommission wirft TikTok nicht nur vor, schädliche Effekte zu begünstigen. Sie sieht auch Defizite bei der Prüfung und Begrenzung von Risiken. Der Digital Services Act verpflichtet große Onlineplattformen dazu, Gefahren für Nutzerinnen und Nutzer systematisch zu bewerten und wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen.

TikTok kann nun auf die Vorwürfe reagieren und Änderungen vorschlagen. Erst wenn die Kommission ihre Einschätzung bestätigt und einen Verstoß formell feststellt, kann sie Sanktionen verhängen. Möglich wäre ein Bußgeld von maximal sechs Prozent des weltweit erzielten Jahresumsatzes. Auch tägliche Zwangsgelder kommen in Betracht, falls die Plattform Vorgaben nicht umsetzt.

Weitere Verfahren gegen TikTok

Das aktuelle Vorgehen ist Teil einer breiteren Auseinandersetzung zwischen der EU und TikTok. Gegen die von Bytedance betriebene Plattform laufen weitere Verfahren nach dem Digital Services Act. Dabei geht es unter anderem um Funktionen, die Minderjährige zu übermäßiger Nutzung verleiten könnten. Im Fokus steht dabei auch das automatische und ununterbrochene Abspielen neuer Videos.

Ein weiteres Verfahren betrifft den Schutz junger Nutzerinnen und Nutzer vor unerwünschten Kontakten. Die Kommission kritisiert unter anderem, dass öffentliche Konten Minderjähriger von Fremden gefunden werden können und dass dadurch Risiken durch missbräuchliche Kontaktaufnahmen entstehen könnten.

Seit der Eröffnung des ersten Verfahrens gegen TikTok im Februar 2024 wurde bislang keine Strafe verhängt. Die Kommission verweist darauf, dass Entscheidungen rechtlich belastbar sein müssen. TikTok hat in den Verfahren die Möglichkeit, Einwände vorzubringen oder mit Änderungen auf die Bedenken zu reagieren.

Digitalgesetz als Druckmittel

Der Digital Services Act ist eines der zentralen EU-Instrumente zur Regulierung großer Onlineplattformen. Er soll sicherstellen, dass Unternehmen nicht nur illegale Inhalte bekämpfen, sondern auch systemische Risiken ihrer Dienste begrenzen. Dazu zählen Risiken für Grundrechte, für Minderjährige und für die öffentliche Gesundheit.

Für TikTok ist der Streit über den Empfehlungsalgorithmus besonders bedeutsam, weil personalisierte Vorschläge zum Kern der App gehören. Die „Für Dich“-Seite entscheidet maßgeblich darüber, welche Inhalte sichtbar werden und wie lange Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform bleiben. Die EU-Kommission macht nun deutlich, dass sie diese Funktionsweise nicht allein als Geschäftsmodell betrachtet, sondern auch als mögliches Gesundheitsrisiko.