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Stündlich aktualisiert

Politik · Bahnunglück in Spanien

Ermittler werten Daten aus Unglückszügen aus

Nach der Kollision zweier Schnellzüge nahe Toledo gilt in Spanien Staatstrauer. Mindestens 69 Menschen starben, die Fahrdatenschreiber sollen die Ursache klären.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Ermittlungen nach einem schweren Bahnunglück auf einer Schnellfahrstrecke in Spanien.
Symbolbild: Ermittlungen nach einem schweren Bahnunglück auf einer Schnellfahrstrecke in Spanien. KI-generiert

Nach dem schweren Zugunglück bei Urda in der Provinz Toledo mit mindestens 69 Toten konzentrieren sich die Ermittlungen auf die gesicherten Fahrdatenschreiber der beiden beteiligten Schnellzüge. Die Geräte wurden aus den Wracks geborgen und der Guardia Civil übergeben, wie die unabhängige Unfalluntersuchungsbehörde AITAT mitteilte. In Spanien gilt seit Freitag eine dreitägige Staatstrauer. Ministerpräsident Pedro Sánchez besuchte die Unfallstelle und kündigte an, die Ursachen aufzuklären sowie die Sicherheitsvorkehrungen im Bahnverkehr zu verstärken.

Kollision auf Schnellfahrstrecke

Der Zusammenstoß ereignete sich am Mittwochmorgen rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr auf einen stehenden Schnellzug des privaten Betreibers Iryo auf. Die Unfalluntersuchungsbehörde geht bisher davon aus, dass der auffahrende Zug mit etwa 160 bis 200 Kilometern pro Stunde unterwegs war. Der genaue Wert soll erst nach der technischen Auswertung feststehen.

Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Rettungskräfte suchten weiter nach möglichen weiteren Opfern und arbeiteten an den zerstörten Wagen. In mehreren Städten wurden Anlaufstellen für Angehörige eingerichtet, außerdem entstanden Blutspendezentren. Zur Identifizierung der Toten sollen auch DNA-Proben von Verwandten herangezogen werden. Offiziell bestätigt wurden zunächst nur wenige Namen, darunter die frühere Arbeitsministerin Fátima Báñez.

Rekonstruktion mit Fahrtdaten

Die Fahrdatenschreiber sollen helfen, die letzten Minuten vor der Kollision nachzuzeichnen. Sie speichern unter anderem Geschwindigkeit, Bremsvorgänge, Steuerbefehle und technische Meldungen. Auch Eingriffe des Fahrpersonals und mögliche Störungen der Sicherungstechnik können darüber nachvollzogen werden.

Die Ermittlungen stehen nach Angaben der Untersuchungsbehörde noch am Anfang. Im Zentrum stehen der Ausfall des älteren deutschen Zugsicherungssystems LZB sowie mögliche Entscheidungen der Bahnleitstelle in Madrid. Die Regierung geht nach bisherigen Erkenntnissen von menschlichem Versagen aus, endgültige Feststellungen gibt es aber noch nicht.

Öffentlich gewordene Funkmitschnitte deuten darauf hin, dass der Lokführer des Renfe-Zugs eine Freigabe zur Weiterfahrt erhalten hatte, obwohl das automatische Sicherungssystem noch nicht wieder arbeitete und der andere Zug weiter auf der Strecke stand. Die Lokführerin des Iryo-Zugs soll der Leitstelle zuvor gemeldet haben, dass ihr Zug wegen Problemen beim Neustart des Systems nicht weiterfahren könne.

Kritik an Leitstelle und Technik

Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete die Freigabe für den Renfe-Zug als „unerklärlich“ und „falsch“. Ob diese Entscheidung, technische Defekte oder weitere Faktoren das Unglück verursachten, soll die Untersuchung klären.

Der spanische Lokführerverband SEMAF forderte nach dem Unglück eine umfassende unabhängige Aufarbeitung und legte die Arbeit für einen Tag nieder. Verbandssprecher Diego Martín warnte zugleich vor schnellen Schuldzuweisungen. „Schuldzuweisungen lösen keine Tragödien, ihre Ursachen zu ermitteln, schon“, sagte er. Er kritisierte außerdem, dass Bahnangestellte nach seiner Darstellung immer häufiger mit eingeschränkten oder gestörten Sicherheitssystemen arbeiten müssten.

Besonders im Blick steht die LZB-Technik auf der Strecke Madrid-Sevilla. Sie wird dort seit 1992 eingesetzt und soll durch das europäische System ERTMS ersetzt werden, das auf anderen spanischen Strecken bereits genutzt wird. Auf dem betroffenen Abschnitt hatten wenige Wochen vor der Kollision Tests begonnen.

Staatstrauer und politischer Druck

Das Unglück ist bereits das zweite schwere Zugunglück in Spanien in diesem Jahr. Es hat die Debatte über Bahnsicherheit und politische Verantwortung verschärft. In Madrid kam es zu Protesten gegen Verkehrsminister Puente.

Für die Angehörigen bleibt zunächst die Suche nach Gewissheit im Vordergrund. Viele Menschen versuchten nach dem Unglück, Vermisste in Krankenhäusern, Notunterkünften und über soziale Netzwerke zu finden. Während die technische Auswertung beginnt, bleibt offen, wie viele einzelne Ursachen zu der Katastrophe beigetragen haben.