Politik · Sexuelles Fehlverhalten
Bundeswehr meldet 724 Verdachtsfälle an Justiz
Die Bundeswehr hat in den Jahren 2023 bis 2025 insgesamt 724 Verdachtsfälle an Staatsanwaltschaften weitergeleitet, in denen Soldatinnen oder Soldaten wegen möglicher Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung beschuldigt wurden. Das Verteidigungsministerium bestätigte zudem Hunderte Disziplinarverfahren wegen sexuellen Fehlverhaltens. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius will am kommenden Mittwoch im Verteidigungsausschuss des Bundestags eine Dunkelfeldstudie zu dem Thema vorstellen.
Hunderte Fälle bei der Justiz
Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurden die 724 Vorgänge jeweils an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden übergeben. Damit ist nicht gesagt, dass es in allen Fällen zu Anklagen oder Verurteilungen kam. Es handelt sich um Verdachtsfälle, bei denen der strafrechtliche Vorwurf zunächst geprüft wird.
Unabhängig davon kann sexuelles Fehlverhalten in der Truppe auch dienstrechtliche Folgen haben. Das Ministerium verweist darauf, dass ein Verhalten nicht zwingend strafbar sein muss, um gegen soldatische Pflichten zu verstoßen. In solchen Fällen kann ein gerichtliches Disziplinarverfahren folgen.
Die Bundeswehrdisziplinaranwaltschaft leitete von 2024 bis 2026 insgesamt 452 Verfahren wegen sexuellen Fehlverhaltens ein. Bis zum 4. November 2026 waren davon 163 rechtskräftig beendet. In 84 Fällen kam es zu einer Einstellung. Bei disziplinaren Entscheidungen werden nach Angaben des Ministeriums alle Pflichtverletzungen berücksichtigt, die zum Entscheidungszeitpunkt nachgewiesen sind. Dazu kann auch sexualbezogenes Fehlverhalten zählen.
Studie zum Dunkelfeld
Die Bundeswehr befasst sich seit Längerem mit steigenden Meldungen über sexuelles Fehlverhalten. Öffentlich bekannt wurden zuletzt vor allem Vorfälle an den Standorten Zweibrücken in Rheinland-Pfalz und Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Um ein genaueres Bild über das Ausmaß zu erhalten, gab das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Dunkelfeldstudie in Auftrag.
Im Mittelpunkt der Befragung standen persönliche Erfahrungen von Soldatinnen. Zudem werden Angaben von Soldaten genannt, die eigene Erlebnisse oder Beobachtungen geschildert haben sollen. Die Studie ist abgeschlossen und soll zunächst der Truppe vorgestellt werden. Danach will Pistorius die Ergebnisse im Bundestags-Verteidigungsausschuss erläutern.
Vor der offiziellen Präsentation wurden bereits einzelne Inhalte bekannt. Demnach sollen etwa 70 Prozent der Frauen, die anonym an der Befragung teilnahmen, von sexualisiertem Fehlverhalten während ihrer Dienstzeit berichtet haben. Bei Männern ist von rund 30 Prozent die Rede, die eigene Betroffenheit oder beobachtete Fälle angegeben hätten. Außerdem sollen in vielen geschilderten Vorfällen Vorgesetzte eine Rolle gespielt haben.
Neue Anlaufstelle geplant
Als Konsequenz aus den Befunden sollen Bundeswehrangehörige künftig bei sexualisiertem Fehlverhalten eine unabhängige Stelle kontaktieren können. Eine solche Anlaufmöglichkeit würde neben bestehenden Meldewegen in der militärischen Struktur stehen und könnte für Betroffene eine zusätzliche Option schaffen.
Die Diskussion trifft die Bundeswehr in einer Phase, in der Personalgewinnung und innere Führung besonders im Fokus stehen. Sexuelles Fehlverhalten berührt dabei nicht nur das Strafrecht, sondern auch den Kern des Dienstverhältnisses: Soldatinnen und Soldaten sind an besondere Pflichten gebunden, Vorgesetzte tragen zusätzliche Verantwortung.
Die nun bekannten Zahlen zeigen vor allem die Breite der bereits erfassten Vorgänge. Die Dunkelfeldstudie soll darüber hinaus Hinweise darauf geben, wie viele Erfahrungen bisher nicht in offiziellen Verfahren sichtbar wurden. Erst mit ihrer Vorstellung wird klarer, welche Schlussfolgerungen das Verteidigungsministerium für Prävention, Meldestrukturen und Disziplinarpraxis zieht.