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Stündlich aktualisiert

Politik · Wahl in Brasilien

Brasilien entscheidet zwischen Lula und Bolsonaro

In Brasilien stimmen rund 159 Millionen Wahlberechtigte über das Präsidentenamt ab. Amtsinhaber Lula trifft in der Stichwahl auf Senator Flávio Bolsonaro.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: In Brasilien entscheidet eine Stichwahl über den künftigen politischen Kurs des Landes.
Symbolbild: In Brasilien entscheidet eine Stichwahl über den künftigen politischen Kurs des Landes. KI-generiert

Brasilien wählt an diesem Sonntag in einer äußerst knappen Stichwahl den nächsten Präsidenten. Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva tritt gegen den rechten Senator Flávio Bolsonaro an, den ältesten Sohn des früheren Staatschefs Jair Bolsonaro. Nach einem polarisierenden Wahlkampf geht es um Sozialpolitik, Sicherheit, Staatsfinanzen und die Frage, ob die Bolsonaro-Bewegung in den Präsidentenpalast zurückkehrt. Vorläufige Resultate werden in der Nacht zu Montag nach mitteleuropäischer Zeit erwartet.

Enges Rennen nach erster Runde

In der ersten Runde lag Flávio Bolsonaro mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula. Zugleich schnitt die politische Rechte bei Parlaments- und Regionalwahlen stark ab. Mehrere ausgeschiedene Kandidaten stellten sich anschließend hinter den Senator. Dennoch zeigen aktuelle Umfragen ein Rennen ohne klaren Vorsprung. In einer jüngsten Erhebung des Instituts Datafolha lagen beide Kandidaten bei den gültigen Stimmen gleichauf.

Lula, 80 Jahre alt, ist seit 2023 erneut Präsident und bewirbt sich um eine vierte Amtszeit. Er regierte Brasilien bereits von 2003 bis 2010. Im Endspurt stellte er Mindestlohn, Sozialprogramme, Beschäftigung und Armutsbekämpfung in den Mittelpunkt. Seine Kampagne setzt darauf, Wählerinnen und Wähler an die sozialen Aufstiegsversprechen früherer Lula-Regierungen zu erinnern.

Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, sitzt seit 2019 im Senat und kandidiert erstmals für das höchste Staatsamt. Er wirbt mit einem politischen Wechsel, Steuersenkungen, Haushaltsdisziplin und einem härteren Kurs gegen kriminelle Banden. In der letzten Fernsehdebatte verlangte er unter anderem schärfere Strafen, ein niedrigeres Strafmündigkeitsalter und chemische Kastration für wegen Sexualdelikten Verurteilte.

Mobilisierung bis zum Schluss

Am Samstag versuchten beide Lager, ihre Anhängerschaft noch einmal sichtbar zu machen. Lula trat an der Copacabana in Rio de Janeiro vor einer großen Menge auf. Viele seiner Unterstützerinnen und Unterstützer trugen Rot, die Farbe seiner Arbeiterpartei PT. Bolsonaro sammelte in Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais mehrere Tausend Anhängerinnen und Anhänger, darunter zahlreiche Motorradfahrer. Viele erschienen in gelben Nationaltrikots, die in Brasilien seit Jahren stark mit dem Bolsonaro-Lager verbunden sind.

Entscheidend könnte nun die Wahlbeteiligung werden. In der ersten Runde blieben mehr als 33 Millionen Wahlberechtigte den Urnen fern. Umfragen deuten darauf hin, dass diese Gruppe Lula im Durchschnitt positiver bewertet als die Wählerschaft insgesamt. Bei einem Gleichstand kann schon eine kleine Verschiebung den Ausschlag geben.

Auch der digitale Wahlkampf spielt eine größere Rolle als in früheren Phasen. Lulas Team setzte im Endspurt stärker auf Mobilisierung über WhatsApp und andere Plattformen. Der Abgeordnete André Janones wurde dabei zu einer zentralen Figur der Online-Offensive. Zuvor galt das Bolsonaro-Lager als besonders stark in digitalen Netzwerken. Lula warf dem Meta-Konzern politische Einmischung vor. Meta erklärte, Vorgaben der Justiz zur Gleichbehandlung der Kandidaten umgesetzt zu haben.

Schatten des früheren Präsidenten

Flávio Bolsonaro führt seine Kampagne eng an der Person seines Vaters Jair Bolsonaro. Der frühere Präsident wurde vom Obersten Gericht wegen eines Umsturzversuchs nach seiner Niederlage gegen Lula zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt. Aus gesundheitlichen Gründen steht er derzeit unter Hausarrest. Im Wahlkampf seines Sohnes tauchte er unter anderem in digitalen Inszenierungen auf. Flávio Bolsonaro kündigte an, seinen Amtsantritt im Falle eines Sieges an der Seite seines Vaters zu begehen.

Der Senator steht selbst unter Druck. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen Korruption, Geldwäsche und Vorteilsnahme. Dabei geht es unter anderem um frühere Tätigkeiten in Rio de Janeiro und um mögliche Zweckentfremdung öffentlicher Gelder. Bolsonaro weist die Vorwürfe zurück. Auch Lula sah sich im Endspurt neuen Angriffen ausgesetzt, unter anderem wegen Vorwürfen gegen seinen Sohn im Umfeld eines Korruptionsskandals bei der Rentenversicherung. Beide Kandidaten warfen einander in den vergangenen Wochen wiederholt Korruption und Machtmissbrauch vor.

Richtungswahl mit regionaler Bedeutung

Die Abstimmung entscheidet über den Kurs des bevölkerungsreichsten Landes Lateinamerikas. Lula steht für staatliche Sozialprogramme, stärkere Umverteilung und Kontinuität seiner Regierung. Bolsonaro verspricht einen Bruch mit dem bisherigen Kurs, mehr Sicherheit und eine konservative Wende. Im Kongress dürfte eine gestärkte Rechte die nächste Regierung in jedem Fall prägen.

Brasilien geht damit in eine Stichwahl, in der die Lager ähnlich groß sind und die Ablehnung beider Kandidaten hoch bleibt. Für den Ausgang zählt nicht nur die Überzeugung der Unentschlossenen, sondern vor allem die Fähigkeit, die eigene Anhängerschaft tatsächlich an die Wahlurnen zu bringen.