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Stündlich aktualisiert

Politik · Brasilien nach der Wahl

Bolsonaro will Opposition aus Miami anführen

Brasiliens unterlegener Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro ist trotz Ausreiseverbots in Miami angekommen. Von dort bestreitet er Lulas Wahlsieg und greift die Justiz an.

Presseonline-Redaktion · · 4 Min. Lesezeit

Symbolbild: Ein Privatflugzeug auf einem Flughafen steht für Bolsonaros umstrittene Ausreise in die USA.
Symbolbild: Ein Privatflugzeug auf einem Flughafen steht für Bolsonaros umstrittene Ausreise in die USA. KI-generiert

Der brasilianische Wahlverlierer Flávio Bolsonaro hat sich nach seiner Niederlage gegen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva in die USA abgesetzt und will von Miami aus die rechte Opposition in Brasilien führen. Der 45-jährige Senator kam am Mittwoch mit seiner Familie in Florida an, obwohl der Oberste Gerichtshof Brasiliens ihm zuvor die Ausreise untersagt und die Abgabe seiner Pässe angeordnet hatte. Bolsonaro stellt den Wahlausgang infrage, wirft der Justiz politische Verfolgung vor und weist Ermittlungen wegen mutmaßlicher Finanzdelikte zurück.

Ankunft trotz Gerichtsbeschluss

Bolsonaro reiste nach Angaben argentinischer Behörden zunächst auf dem Landweg nach Argentinien ein. Die Grenzüberquerung erfolgte demnach in der Nähe der Iguazú-Wasserfälle. Begleitet wurde er von seiner Ehefrau Fernanda und den beiden Töchtern Carolina und Luiza. Anschließend flog die Familie mit einem Privatflugzeug über Guayaquil in Ecuador weiter nach Florida. In Miami landete die Maschine am Flughafen Opa-locka.

Der Politiker hatte die Stichwahl am Sonntag gegen Lula verloren. Kurz nach der Abstimmung ordnete die brasilianische Justiz an, dass Bolsonaro seine Reisedokumente innerhalb von 24 Stunden abgeben müsse. Zunächst kündigte er öffentlich an, der Anordnung nachzukommen und juristisch dagegen vorzugehen. Zugleich bestritt er, Brasilien verlassen zu wollen. Wenig später setzte er sich dennoch ab.

Zum Zeitpunkt der Ausreise lag gegen Bolsonaro kein Haftbefehl vor. Er ist noch bis zum 31. Januar 2027 Senator und genießt in dieser Funktion parlamentarische Schutzrechte. Die Bundespolizei ermittelt jedoch gegen ihn wegen mutmaßlicher Finanzdelikte. Dabei geht es unter anderem um den Verdacht der Geldwäsche im Umfeld von Unternehmen und Online-Sportwetten. Bolsonaro bestreitet strafbares Verhalten.

Angriff auf Wahl und Justiz

Nach seiner Ankunft veröffentlichte Bolsonaro auf der Plattform X einen offenen Brief. Darin erklärte er, er habe Brasilien nicht verlassen, um sich zu entziehen, sondern um politisch handlungsfähig zu bleiben. Zugleich warf er Lula und dem Obersten Gerichtshof einen Angriff auf den Wählerwillen vor. Für seine Behauptung eines Wahlbetrugs sind bislang keine belastbaren Nachweise bekannt.

In einer ersten Fassung des Schreibens bezeichnete sich Bolsonaro als „wahren“ und „gewählten Präsidenten“ Brasiliens. Kurz darauf änderte er diese Formulierungen und nannte sich stattdessen „Anführer“. In der überarbeiteten Version kündigte er an, die Opposition aus den Vereinigten Staaten heraus zu organisieren. Außerdem stellte er eine Strategie zur Mobilisierung seiner Anhänger in Aussicht und wandte sich an Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure seines politischen Lagers.

Bolsonaro griff auch das Oberste Gericht scharf an. Er sieht die Ermittlungen gegen sich als politisch motiviert und spricht von Verfolgung. In seinem Schreiben zog er zudem historische Vergleiche, unter anderem mit Charles de Gaulle, der während des Zweiten Weltkriegs aus London gegen die deutsche Besatzung Frankreichs agierte.

Rolle von Trump und Milei

Bolsonaro bedankte sich ausdrücklich bei US-Präsident Donald Trump und dem argentinischen Präsidenten Javier Milei. Die USA gestatteten ihm und seiner Familie die Einreise. Für die Familie wurde eine befristete Aufenthaltserlaubnis bis Oktober 2027 genannt; politisches Asyl ist damit nicht verbunden.

Trump hatte Bolsonaro nach der Wahl politisch gestützt und Zweifel am Ergebnis geäußert. Am Mittwoch sagte er zu dem Fall, die USA hätten Bolsonaro die Einreise erlaubt. Zugleich erklärte Trump, er werde sich nicht einmischen. Über die Wahl in Brasilien sagte er: „Es war eine sehr seltsame Wahl.“

In Argentinien verlangt die Opposition Aufklärung darüber, ob staatliche Stellen oder Regierungsberater bei der Weiterreise geholfen haben. Bestätigte Angaben dazu gibt es nicht. Bolsonaro war über argentinisches Gebiet ausgereist, obwohl das brasilianische Gericht bereits ein Ausreiseverbot verhängt hatte.

Folgen für Brasiliens Rechte

Bolsonaros Partei hat Lulas Wahlsieg anerkannt, wenn auch mit Vorbehalten und Forderungen nach Klärung offener Fragen zum Wahlprozess. Der Ex-Kandidat geht deutlich weiter und lehnt das Ergebnis politisch ab. Für die brasilianische Rechte entsteht damit eine schwierige Lage: Ihr prominentester unterlegener Präsidentschaftskandidat befindet sich im Ausland, während gegen ihn Ermittlungen laufen.

Lula kritisierte die Flucht seines Gegners und warf der Bolsonaro-Familie vor, mit Unterstützung aus Washington wieder politischen Einfluss gewinnen zu wollen. Der Konflikt knüpft an frühere Auseinandersetzungen um die Bolsonaro-Dynastie an. Flávios Vater Jair Bolsonaro, Präsident von 2019 bis 2023, wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs zu einer langen Haftstrafe verurteilt und steht derzeit unter Hausarrest. Flávios Bruder Eduardo lebt bereits seit längerer Zeit in den USA; gegen ihn liegt ein Haftbefehl brasilianischer Behörden vor.

Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob Bolsonaro aus Miami tatsächlich Einfluss auf die Opposition nehmen kann. Entscheidend ist auch, wie die brasilianische Justiz auf die Missachtung des Ausreiseverbots reagiert und ob die Ermittlungen nach dem Ende seiner Senatsimmunität Anfang 2027 an Schärfe gewinnen.