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Stündlich aktualisiert

Politik · Streit um Nahostpositionen

Berliner Linke erhöht Druck auf Vanessa Emde

Die Berliner Linke fordert die Abgeordnete Vanessa Emde zum Mandatsverzicht auf. Der Konflikt um ihre Nahostpositionen belastet die Gespräche über Rot-Grün-Rot.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Ein leerer Platz in einem Parlament steht für den Streit um ein Mandat.
Symbolbild: Ein leerer Platz in einem Parlament steht für den Streit um ein Mandat. KI-generiert

Die Berliner Linke verschärft den innerparteilichen Kurs gegen Vanessa Emde. Der Landesvorstand fordert die neu gewählte Abgeordnete auf, ihr Mandat im Abgeordnetenhaus zurückzugeben. Hintergrund sind ihre Positionen zum Nahostkonflikt und der Vorwurf, sie habe sich mehrfach über gemeinsame Beschlüsse hinweggesetzt. Sollte Emde nicht verzichten, steht ein Ausschluss aus der Fraktion im Raum. Zugleich wächst der Druck auf die laufenden Gespräche von Linken, Grünen und SPD über eine mögliche Landesregierung.

Parteiführung sieht Vertrauen zerstört

Die Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer begründeten die Forderung nach einem Mandatsverzicht mit der Verantwortung, die mit einem Parlamentssitz verbunden sei. Ein Mandat sei „keine Ich-AG“, erklärten sie. Es werde nicht allein von einer einzelnen Person errungen, sondern durch Partei, Mitglieder und Wahlkampfstrukturen getragen.

Emde war am 20. September erstmals ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden. In ihrem Neuköllner Wahlkreis gewann sie das Direktmandat mit 46,2 Prozent der Erststimmen. Gerade deshalb ist der Fall für die Berliner Linke besonders heikel: Ein Verzicht wäre politisch weitreichend, ein Verbleib könnte die Fraktion dauerhaft belasten.

Im Zentrum der Kritik stehen Äußerungen Emdes zum Nahostkonflikt. Ihr wird vorgeworfen, Israels Existenzrecht infrage zu stellen. Sie vertritt die Position, nicht Staaten, sondern nur Menschen könnten ein Existenzrecht haben. Innerhalb der Partei gilt diese Haltung als unvereinbar mit Beschlüssen, auf die sich die Linke in Berlin festgelegt hat.

Ausschluss aus der Fraktion möglich

Ob Emde der Aufforderung folgt, ist offen. Für den Fall eines Verbleibs bereiten Landes- und Fraktionsspitze einen möglichen Ausschluss aus der Linke-Fraktion vor. Dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit notwendig. Die Fraktion zählt 44 Abgeordnete.

Mehrere prominente Linke-Politiker, darunter Gregor Gysi, haben einen Ausschluss bereits öffentlich befürwortet. Die Hürde ist dennoch hoch, weil ein solcher Schritt die innerparteilichen Konflikte nicht beendet, sondern weiter sichtbar machen würde. Fraktionsausschlüsse sind politisch selten und gelten als scharfes Mittel, weil gewählte Abgeordnete ihr Mandat unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit behalten.

Zusätzliche Kritik zog Emde auf sich, als sie am Rand eines Linke-Parteitags gegen die eigene Parteiführung protestierte. Dort erklärte sie sich solidarisch mit einem bekannten propalästinensischen Aktivisten, der als mutmaßlicher Befürworter von Terror gilt. Der Vorgang verschärfte die Zweifel in der Parteispitze, ob Emde bereit ist, die Linie des Landesverbands mitzutragen.

Koalitionsgespräche werden komplizierter

Der Streit trifft die Berliner Linke in einer entscheidenden Phase. Linke, Grüne und SPD sprechen über die Bildung einer Landesregierung. Die Debatte über Antisemitismus und Nahostpositionen erschwert diese Verhandlungen seit Wochen.

Die drei Parteien hatten sich bereits vor Beginn der Sondierungen auf eine gemeinsame Erklärung verständigt. Darin bekennen sie sich zum Schutz jüdischen Lebens in Berlin, zum Existenzrecht Israels und zu einer Zwei-Staaten-Lösung. Diese soll sowohl Israels Sicherheit als auch palästinensische Selbstbestimmung ermöglichen. Emdes Haltung steht zu zentralen Punkten dieser Erklärung in Spannung.

Auch abseits des Falls Emde steht die Berliner Linke wegen Nahost- und Migrationsfragen unter Beobachtung. Die neu gewählte Abgeordnete Katharina Marg setzte sich zuletzt gegen die Abschiebung zweier Männer aus Gaza nach Griechenland ein. Die Männer waren über Griechenland eingereist, ihr Asylantrag in Deutschland wurde abgelehnt, eine Duldung war ausgelaufen. Nach ihrer Festnahme gab es Proteste vor einem Polizeigebäude. Marg war vor Ort und begleitete den Fall als parlamentarische Beobachterin. Ein Gericht entschied zugunsten der Männer und ordnete ihre Freilassung an.

Die Polizeigewerkschaft GdP kritisierte das Engagement. Aus der SPD kam ebenfalls Widerspruch; ein Vertreter erklärte die geplante Koalition wegen solcher Vorgänge für nicht mehr möglich. Für die Linke sind solche Interventionen Teil ihres Selbstverständnisses in Abschiebe- und Grundrechtsfragen. Für mögliche Koalitionspartner erhöhen sie jedoch den Druck, verbindliche Grenzen in der Nahost- und Sicherheitspolitik festzulegen.

Belastungsprobe für Rot-Grün-Rot

Der Fall Emde bündelt mehrere Konfliktlinien: den Umgang mit Antisemitismusvorwürfen, die Haltung zu Israel und Palästina, die Disziplin in einer Fraktion und die Regierungsfähigkeit der Linken in Berlin. Für die Partei geht es nicht nur um eine einzelne Abgeordnete, sondern um die Frage, ob sie gegenüber SPD und Grünen glaubhaft eine gemeinsame Linie vertreten kann.

Ein Mandatsverzicht würde den Konflikt formal entschärfen, politisch aber nicht automatisch beenden. Ein Fraktionsausschluss wäre ein deutlicher Bruch und könnte die Debatte weiter anheizen. Für die Koalitionsgespräche bleibt entscheidend, ob die beteiligten Parteien den Streit eingrenzen können, ohne ihre bereits vereinbarten Grundsätze aufzugeben.