Wirtschaft · Industriekrise vor Ort
Zulieferer-Aus trifft Gerstungen bei Gebühren
Die Insolvenz des Automobilzulieferers ae group hat in Gerstungen konkrete Folgen für die kommunalen Gebühren. Die Abwasserentgelte sollen ab 2027 um 84 Cent auf 3,63 Euro je Kubikmeter steigen. Nach Berechnungen der Gemeindewerke gehen davon 48 Cent allein auf den Wegfall des früheren Großverbrauchers zurück. Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt bedeutet dieser Anteil knapp 60 Euro zusätzlich im Jahr. Entscheiden muss darüber noch der Gemeinderat.
Wegfall eines Großverbrauchers
Die ae group war in Gerstungen ein wichtiger Kunde der kommunalen Wasser- und Abwasserversorgung. Der Zulieferer verbrauchte nach Angaben der Gemeindewerke zuletzt knapp 50.000 Kubikmeter Wasser pro Jahr. Das entspricht ungefähr dem Verbrauch der Ortsteile Marksuhl und Burkhardtroda zusammen. Beim Abwasser lag der Anteil des Unternehmens bei 12 Prozent.
Mit der Insolvenz bricht dieser Anteil aus der Gebührenkalkulation weg. Die Fixkosten für Betrieb, Unterhalt und Investitionen der Anlagen bleiben jedoch bestehen. Sie verteilen sich nun auf eine geringere Menge. Bürgermeister Daniel Steffan beschreibt den Effekt so, dass die Kosten der Gemeinde auf weniger Kubikmeter umgelegt werden müssen.
Gerstungen ist dabei besonders anfällig für solche Ausfälle. Die Gemeindewerke versorgen rund 8.800 Menschen und mehrere größere Betriebe. In dieser Struktur konnte ein industrieller Großkunde die Gebühren lange stabilisieren. Fällt ein solcher Verbraucher weg, schlägt sich das unmittelbar in den Entgelten nieder.
Gebühren steigen in Etappen
Die Abwassergebühr ist nur der erste Schritt. Auch beim Trinkwasser rechnen die Gemeindewerke mit zusätzlichen Belastungen. Dort soll der Ausfall des Zulieferers ab 2029 weitere 30 Cent je Kubikmeter ausmachen. Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt kämen dadurch etwa 36 Euro pro Jahr hinzu.
Zusammen lägen die Mehrkosten aus Abwasser und Trinkwasser damit bei knapp 100 Euro jährlich, sofern die Berechnungen und Beschlüsse wie geplant umgesetzt werden. Die Anpassungen treffen alle Gebührenzahlenden, unabhängig davon, ob sie direkt mit dem Industrieunternehmen verbunden waren.
Steffan nennt die Insolvenz einen „schwerer Schlag in die Magengrube“. Betroffen seien sowohl die Bevölkerung als auch die politischen Gremien. Für die Gemeinde geht es nicht nur um Gebühren, sondern auch um die wirtschaftliche Basis des Ortes.
Folgen für Handel und Gemeinde
Der Bürgermeister rechnet mit weiteren Auswirkungen. Wenn Arbeitsplätze in einem größeren Betrieb wegfallen, könnten Beschäftigte in andere Regionen ziehen. Auch der örtliche Einzelhandel und Dienstleister spüren solche Einschnitte, weil Kaufkraft verloren geht. Hinzu kommen Folgen für den Gemeindehaushalt.
Zur Höhe der aktuellen Gewerbesteuerausfälle macht Steffan keine Angaben. Er verweist auf das Steuergeheimnis. In guten Jahren habe das Unternehmen Gewerbesteuern „im höheren sechsstelligen Bereich“ gezahlt. Dieses Niveau sei allerdings bereits seit längerer Zeit nicht mehr erreicht worden.
Ein Ersatz für den industriellen Wasserverbrauch ist kaum absehbar. Nach Einschätzung des Bürgermeisters wäre rechnerisch ein neues Wohngebiet mit rund 1.600 Einwohnerinnen und Einwohnern nötig, um die wegfallende Menge auszugleichen. Das hält er nicht für realistisch. Auch eine neue große Industrieansiedlung erwartet er derzeit nicht. Wegen der Lage an der Autobahn könnte die leerstehende Immobilie eher für Logistik interessant werden.
Hoher Investitionsbedarf bis 2045
Die Lage verschärft sich durch langfristige Aufgaben bei Wasser und Abwasser. Seit der Fusion Gerstungens mit Marksuhl im Jahr 2018 müssen zusätzliche Netze und Anlagen betreut werden. Nach Angaben der Gemeindewerke besteht ein großer Investitionsbedarf, der bis 2045 abgearbeitet werden soll. Insgesamt geht es um mehr als 80 Millionen Euro.
In einer ländlichen Gemeinde lassen sich solche Kosten schwerer verteilen als in dicht bebauten Stadtgebieten. Leitungen müssen über längere Strecken geführt werden, während vergleichsweise wenige Anschlüsse erreicht werden. Der Ausfall eines großen Industriekunden zeigt deshalb, wie eng Unternehmensentwicklung, kommunale Infrastruktur und Gebührenlast miteinander verbunden sind.