Wirtschaft · Industrie im Umbruch
Autoindustrie baut Jobs ab und verlagert Gewicht nach China
Die deutsche Autoindustrie steckt in einer angespannten Phase aus Stellenabbau, Produktionsrisiken und strategischer Neuordnung. Besonders Volkswagen steht unter Druck: Der Konzern verdient zu wenig, um den Wandel aus eigener Stärke voranzutreiben, und verhandelt mit der IG Metall über Einschnitte. Zum Jahreswechsel drohen zeitweise Stillstände ganzer Werke, falls der Tarifkonflikt eskaliert. Zugleich geraten Zulieferer stärker in Bedrängnis, weil die großen Hersteller weniger Fahrzeuge absetzen und ihre Kosten senken wollen.
Volkswagen ringt um Kosten und Standorte
Volkswagen muss nach Einschätzung des Managements kleiner und internationaler werden. Der Absatz liegt inzwischen mehr als ein Viertel unter den Spitzenwerten früherer Jahre. Auch am Kapitalmarkt ist das Vertrauen geschwächt; der Aktienkurs liegt unter dem Niveau aus besonders schwierigen Phasen des Dieselskandals.
Der Umbau betrifft nicht nur einzelne Bereiche, sondern die Struktur des Konzerns. Vorstandschef Oliver Blume muss Arbeitsplätze abbauen, Investitionen priorisieren und die Rolle der deutschen Werke neu bestimmen. In Deutschland stehen dabei Standorte wie Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm im Fokus. Werden dort größere Produktionskapazitäten gekappt oder zeitweise nicht genutzt, trifft das auch die Lieferkette.
In Emden sind Kosten bereits durch Personalabbau und veränderte Abläufe gesenkt worden. Für Zwickau werden deutlich weitergehende Modelle diskutiert. Die sächsische Landesregierung erwägt eine vom Konzern getrennte Einheit, die das Werk übernehmen und mit Kostenstrukturen arbeiten könnte, die stärker mit Standorten in Süd- und Osteuropa konkurrieren.
China ist vom Gewinnmotor zur Belastung geworden
Ein zentraler Grund für den Druck liegt in China. Der Markt, der deutschen Herstellern früher einen erheblichen Teil ihrer Gewinne brachte, hat sich gedreht. Volkswagen und Mercedes haben ihre dortigen Geschäfte bereits deutlich abgewertet. Bei den chinesischen Gesellschaften werden dadurch rote Zahlen sichtbar. BMW weist die Ergebnisse für China nicht separat aus, steht dort aber ebenfalls unter erheblichem Wettbewerbsdruck.
Die Verkaufszahlen deutscher Hersteller in China fallen weiter. Je nach Unternehmen liegen sie in diesem Jahr rund 20 bis 40 Prozent unter den bereits schwachen Werten des Vorjahres. Chinesische Anbieter bringen in hoher Geschwindigkeit neue Modelle auf den Markt und gelten bei Software, Elektroantrieben und Assistenzsystemen häufig als führend.
Die deutschen Hersteller reagieren unterschiedlich. Volkswagen hat in Hefei ein neues Entwicklungs- und Steuerungszentrum aufgebaut und bringt zahlreiche Modelle auf den chinesischen Markt. Audi setzt zusätzlich auf einen eigenständigen Auftritt für China und eröffnet mit dem Staatskonzern SAIC in Shanghai ein Entwicklungszentrum, in dem rund 300 Ingenieurinnen und Ingenieure Elektroautos bis zur Serienreife bringen sollen. BMW will Forschung, Entwicklung und Einkauf vor Ort ausbauen. BMW-Chef Milan Nedeljković bezeichnet China weiter als „zentralen Schwerpunkt“.
Zulieferer geraten in die Abwärtsspirale
Der Stellenabbau bei den großen Herstellern ist eng mit der Lage der Zulieferer verbunden. Schon jetzt kommt es in der Branche zu Insolvenzen. Wenn große Werke weniger produzieren oder geschlossen werden, sinkt die Nachfrage nach Bauteilen weiter. Gleichzeitig verteilen sich Fixkosten auf geringere Stückzahlen. Das kann Komponenten auch für andere Autobauer in Europa verteuern.
Volkswagen hat in China bereits Werke geschlossen. Zugleich soll die verbleibende chinesische Produktion stärker genutzt werden, etwa für Exporte in Schwellenländer. Zudem könnten Elektroniklösungen aus China künftig auch in europäischen Modellen eine größere Rolle spielen. Damit verschieben sich Wertschöpfung und Know-how weiter in Richtung asiatischer Standorte.
Auch bei Batteriezellen ist die Abhängigkeit von China groß. Volkswagen hat den chinesischen Partner Gotion an einer neuen Batteriefabrik in Spanien beteiligt. Für Elektroautos ist die Batterie eines der wichtigsten Bauteile, weshalb diese Kooperationen strategisch besonders bedeutsam sind.
Strukturwandel trifft das Industrieland
Der Konflikt zwischen Kostensenkung und Beschäftigungssicherung verschärft sich. Die IG Metall fordert in der Tarifrunde ein Lohnplus von fünf Prozent, während das Management Einschnitte für notwendig hält. Beide Seiten verhandeln in einer Situation, in der der globale Wettbewerb für deutsche Hersteller härter geworden ist.
Der Wandel ist nicht auf Volkswagen beschränkt. Mercedes, BMW, Audi und Porsche suchen ebenfalls nach Antworten auf den Verlust alter Stärken in China und die hohen Kosten in Europa. Für Deutschland geht es damit um mehr als einzelne Stellenprogramme: Die Autoindustrie zählt zu den wichtigsten industriellen Netzwerken des Landes. Wenn Hersteller Werke verkleinern, verlagern oder neu ausrichten, verändert das auch die Lage vieler Zulieferer und ganzer Regionen.