Wirtschaft · KI und Börsen
Anthropic-Verlust schürt Zweifel an KI-Rally
Techunternehmen geraten wegen der hohen Kosten des KI-Booms stärker unter Druck. Kurz vor dem geplanten Börsengang weist Anthropic nach Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC zwar ein starkes Umsatzwachstum aus, zugleich aber einen Quartalsverlust von 23,3 Milliarden Dollar. Oracle will sich 20 Milliarden Dollar frisches Kapital besorgen, während Technologiewerte an der Wall Street zuletzt deutlich schwächer liefen. Auch bei SUSE hat Künstliche Intelligenz Folgen: Das Open-Source-Unternehmen plant einen Abbau von rund jeder zehnten Stelle.
Anthropic wächst rasant, bleibt aber tiefrot
Anthropic, bekannt für den Chatbot Claude, meldet in den eingereichten SEC-Dokumenten einen kräftigen Sprung beim Quartalserlös. Der Wert stieg demnach von 1,4 Milliarden Dollar um 1.100 Prozent auf 17 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal hatte Anthropic 4,7 Milliarden Dollar Umsatz erzielt, im zweiten Quartal 11,6 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorquartal ergibt sich damit ein Plus von 46 Prozent.
Trotz dieses Wachstums steht unter dem Strich ein hoher Fehlbetrag. Der Quartalsverlust beläuft sich auf 23,3 Milliarden Dollar. Ein großer Teil davon entfällt auf nicht zahlungswirksame bilanzielle Effekte, die mit der gestiegenen Bewertung des Unternehmens zusammenhängen. Diese Aufwendungen betragen 21,9 Milliarden Dollar. Im operativen Geschäft lag das Minus bei 567 Millionen Dollar.
Zugleich bleiben die Ausgaben für technische Infrastruktur hoch. Die Kosten für Rechenleistung stiegen im dritten Quartal gegenüber dem zweiten Quartal um 77 Prozent und damit schneller als der Umsatz. Aus den Unterlagen geht außerdem hervor, dass Anthropic Verpflichtungen von rund 895 Milliarden Dollar eingegangen ist, vor allem für Rechenkapazitäten. Etwa 447,5 Milliarden Dollar davon sollen voraussichtlich bis Ende 2030 anfallen, der übrige Teil überwiegend in den Jahren danach bis 2045.
Der geplante Börsengang gilt als wichtiger Stimmungstest für den KI-Sektor. Beobachter halten einen Start am Aktienmarkt bereits in der kommenden Woche für möglich. Entscheidend wird sein, ob Anlegerinnen und Anleger die hohen Vorleistungen weiterhin als notwendige Investitionen in künftige Marktanteile werten.
Oracle braucht Milliarden für KI-Infrastruktur
Auch Oracle steht wegen seines Kapitalbedarfs im Blick. Der US-Konzern teilte mit, insgesamt 20 Milliarden Dollar aufnehmen zu wollen. Davon sollen 10 Milliarden Dollar über neue Aktien kommen, weitere 10 Milliarden Dollar über Anleihen. Die Mittel können nach Unternehmensangaben unter anderem für den laufenden Betrieb, Investitionen und Dividenden genutzt werden.
Oracle hatte erst vor wenigen Tagen zusätzliche Investitionspläne für KI-Infrastruktur vorgestellt. An der New Yorker Börse kam das nicht gut an: Die Aktie verlor am Montag mehr als sechs Prozent. Der Konzern rechnet zwar mit starkem Wachstum durch den KI-Boom, erwartet aber erst ab dem Geschäftsjahr 2028/29, dieses Wachstum ohne weiteres Eigen- oder Fremdkapital finanzieren zu können.
Die Belastung ist bereits länger sichtbar. Binnen eines Jahres hat die Oracle-Aktie gut die Hälfte ihres Werts eingebüßt. Die hohe Verschuldung und die Ausgabe neuer Aktien und Anleihen zur Finanzierung von Rechenzentren haben den Kurs zusätzlich belastet.
Schwacher Oktober für Technologiewerte
An der Wall Street blieb der Handel zum Wochenstart uneinheitlich. Der Dow Jones legte knapp ein Prozent auf 52.215 Punkte zu. Der S&P 500 bewegte sich kaum und lag bei 7.585 Punkten. Die Nasdaq gab leicht um 0,2 Prozent auf 25.383 Zähler nach. Auch der Nasdaq 100 notierte mit 28.256 Punkten etwas schwächer.
Zuvor hatten Anlegerinnen und Anleger Technologiewerte deutlich verkauft. Am Freitag standen vor allem Aktien aus dem Techsektor unter Druck, nachdem mehrere Unternehmen mit ihren Quartalszahlen enttäuscht hatten. Für die Nasdaq war der Oktober mit einem Minus von 5,3 Prozent der schwächste Monat seit eineinhalb Jahren. Der Philly-Semiconductor-Index verlor 15,3 Prozent. Auslöser war auch eine gesenkte Prognose von Intel; die Aktie des Chipherstellers halbierte sich innerhalb von zwei Tagen.
Im Fokus stehen nun weitere Zahlen großer Technologiekonzerne. Apple legt nach Börsenschluss seine Quartalsbilanz vor. Der Konzern hatte zuletzt Nvidia wieder als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen überholt. Seit Juni stieg der Börsenwert von Apple um rund eine Billion Dollar.
KI verändert auch Arbeitsplätze
Der Kostendruck zeigt sich nicht nur an den Kapitalmärkten. SUSE will nach einer internen Mitteilung rund zehn Prozent seiner weltweit etwa 1.900 Beschäftigten abbauen. Vorstandschef Dirk-Peter van Leeuwen begründete den Schritt mit veränderten Anforderungen durch „Automatisierung und KI“. Welche Bereiche konkret betroffen sind, wurde nicht detailliert benannt.
SUSE ist auf Open-Source-Software für Unternehmen spezialisiert und wurde 1992 in Fürth gegründet. 2023 nahm der Finanzinvestor EQT das Unternehmen von der Börse; damals lag die Bewertung bei knapp drei Milliarden Dollar. Anfang des Jahres gab es Verkaufsüberlegungen mit einem möglichen Preis von bis zu sechs Milliarden Dollar.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen die Spannbreite des KI-Booms. Unternehmen investieren Milliarden in Rechenzentren, Chips und Software, doch die Kapitalmärkte verlangen zunehmend Hinweise auf tragfähige Renditen. Wachstum allein reicht vielen Anlegerinnen und Anlegern derzeit nicht mehr aus.