Panorama · Zugunglück in Spanien
Spanien ordnet alle 69 Todesopfer zu
Nach der schweren Zugkollision in der Provinz Toledo haben Polizei und Gerichtsmedizin alle 69 Todesopfer identifiziert. Das zuständige Team konnte am Montag die letzten drei Toten zuordnen. Unter den Opfern sind nach Behördenangaben 54 Spanierinnen und Spanier sowie 15 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Die Regierung in Madrid will an diesem Dienstag ein Hilfspaket für Verletzte und Hinterbliebene auf den Weg bringen.
Opfer aus mehreren Ländern
Zu den ausländischen Todesopfern zählen vier Menschen aus den Vereinigten Staaten, jeweils zwei aus Australien und Japan sowie je eine Person aus Argentinien, Kanada, Frankreich, Mexiko, Portugal, Tunesien und Tschechien. In Kliniken werden weiterhin 39 Verletzte behandelt. Elf von ihnen liegen auf Intensivstationen.
Das Unglück ereignete sich am Mittwochmorgen nahe Urda, rund 110 Kilometer südlich von Madrid. Ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Renfe prallte auf freier Strecke mit hoher Geschwindigkeit auf einen stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo. Mehrere Wagen sprangen aus den Gleisen. Die genaue Ursache ist weiter Gegenstand der Ermittlungen.
Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte finanzielle Unterstützung für Opfer und Angehörige an. Vorgesehen sind unter anderem frühere Auszahlungen von Entschädigungen. Zudem sollen die für Fahrgäste vorgesehenen gesetzlichen Leistungen in diesem Fall verdoppelt werden. Sánchez stellte eine „strenge und transparente Untersuchung“ in Aussicht.
Ermittlungen zu Sicherung und Leitstelle
Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen technische und betriebliche Abläufe unmittelbar vor der Kollision. Geprüft wird unter anderem, welche Rolle der Ausfall des Zugsicherungssystems LZB spielte. Auch Entscheidungen in der Bahnleitstelle in Madrid werden untersucht.
Funkaufnahmen deuten darauf hin, dass ein Lokführer die Anweisung erhielt, zum regulären Betrieb zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt soll das Sicherungssystem noch nicht wieder verfügbar gewesen sein. Zudem befand sich offenbar weiterhin ein weiterer Zug auf der Strecke.
Systeme wie LZB sollen verhindern, dass Züge trotz missachteter Signale oder zu hoher Geschwindigkeit ungebremst weiterfahren. Sie greifen automatisch ein, wenn bestimmte Sicherheitsgrenzen überschritten werden. Ob ein technischer Defekt, menschliches Fehlverhalten oder eine Kombination mehrerer Faktoren zu dem Zusammenstoß führte, ist noch nicht abschließend geklärt.
Druck auf die Regierung wächst
Das Unglück hat in Spanien eine politische Debatte über Zustand und Sicherheit der Infrastruktur ausgelöst. Am 29. November wird ein neues Parlament gewählt. Erste Umfragen sehen die Sozialisten von Sánchez unter Druck, während konservative und rechte Kräfte zulegen.
Sánchez sagte am Montag mit Blick auf das Hochgeschwindigkeitsnetz: „Das Vertrauen ist erschüttert.“ Verkehrsminister Óscar Puente soll an diesem Dienstag vor dem ständigen Parlamentsausschuss Stellung nehmen. Auch aus dem linken Lager kommen Rücktrittsforderungen gegen ihn. Sánchez hat ein Rücktrittsangebot des Ministers bislang nicht angenommen.
Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo bezeichnete einen Rücktritt Puentes als „notwendig, aber unzureichend“. Er spricht von einem umfassenderen Problem bei Verwaltung und Instandhaltung. Für den Fall einer Regierungsübernahme stellte er Investitionen von 300 Milliarden Euro in Spaniens Infrastruktur in Aussicht.
Bahnstreiks und Infrastrukturdebatte
Die Kollision trifft Spanien in einer angespannten Lage. Nach früheren Katastrophen, großflächigen Waldbränden, einem schweren Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel und Problemen in der Exklave Ceuta ist das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in staatliche Handlungsfähigkeit geschwächt.
Zugleich stehen weitere Proteste bevor. Für den 11. November ist ein Generalstreik angekündigt. Aktivisten und Gewerkschaften wollen für bezahlbaren Wohnraum und höhere Löhne demonstrieren. Rund um diesen Termin haben Lokführer der Staatsbahn Renfe Arbeitsniederlegungen angekündigt. Sie verlangen mehr Sicherheit im Bahnverkehr.