Kultur · Elektronische Musik
Techno-Pionier Juan Atkins mit 64 Jahren gestorben
Juan Atkins ist tot. Der DJ, Produzent und Wegbereiter des Detroit Techno wurde am Samstag vor einem geplanten Auftritt in Mexiko-Stadt ohne Bewusstsein in seinem Hotelzimmer gefunden. In einer Klinik wurde später sein Tod festgestellt. Atkins wurde 64 Jahre alt. Seine Bookingagentur Greensmith Artists würdigte ihn mit den Worten: „So viele Jahre. So viele Bühnen. So viele Momente, die wir nie vergessen werden.“
Soundentwurf aus Detroit
Atkins gehörte zu den zentralen Figuren einer Musik, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Großraum Detroit heraus entstand und später weltweit Clubs, Festivals und Popmusik veränderte. Er verband Funk, elektronische Maschinenrhythmen, Science-Fiction-Ideen und die kühle Ästhetik europäischer Synthesizermusik zu einem eigenen Klang. Als Produzent setzte er früh auf Drumcomputer und Synthesizer. Besonders prägend war sein Umgang mit der Roland TR-808, deren Möglichkeiten er über reine Schlagzeugmuster hinaus nutzte.
Geboren wurde Atkins 1962 in Detroit. Schon als Kind kam er mit Tasteninstrumenten in Berührung; seine Großmutter besaß eine Hammond-Orgel. Als Jugendlicher spielte er in einer Funkband Bass, Gitarre und Schlagzeug. In Belleville, einem Vorort von Detroit, lernte er Derrick May und Kevin Saunderson kennen. Die drei wurden später als Belleville Three bekannt und gelten als entscheidende Architekten des Detroit Techno.
Saunderson schrieb zum Tod seines Weggefährten, Atkins sei „der Urheber des Techno“ gewesen und habe vielen anderen Türen geöffnet. Auch aus Detroit kamen Würdigungen. Bürgermeisterin Mary Sheffield erinnerte daran, dass Atkins als junger Musiker mit Synthesizer eine Vorstellung davon entwickelt habe, wie Zukunft klingen könne, und diese Idee dann umgesetzt habe.
Cybotron, Model 500 und Metroplex
1980 gründete Atkins mit Richard Davis das Projekt Cybotron. Das Duo verband Funk, elektronische Popmusik und futuristische Motive. Das Album „Enter“ erschien 1983; zu den bekanntesten Stücken der Gruppe zählen „Clear“ und „Techno City“. „Clear“ wurde später auch außerhalb der Techno-Szene bekannt, unter anderem durch ein prominentes Sample in Missy Elliotts „Lose Control“.
Nach der Zeit mit Cybotron arbeitete Atkins solo weiter. Unter dem Namen Model 500 veröffentlichte er 1985 „No UFOs“ auf seinem eigenen Label Metroplex. Der Track gilt als eine der frühen Blaupausen für den Sound, der später unter dem Namen Techno weltweit bekannt wurde. Metroplex wurde zugleich eine wichtige Plattform für Veröffentlichungen aus Detroit.
Auch der Begriff Techno ist eng mit Atkins verbunden. 1988 erschien sein Stück „Techno Music“ auf der Compilation „Techno! The New Dance Sound of Detroit“. Der Titel des Samplers half, den Namen für den neuen Sound aus Detroit international zu verbreiten. Atkins’ Interesse an Zukunftsentwürfen und Technologie wurde auch mit Schriften des Futurologen Alvin Toffler in Verbindung gebracht, der über gesellschaftlichen Wandel durch neue Technik schrieb.
Wirkung bis nach Europa
Während Techno in den USA lange vor allem in Szenen und Clubs wirkte, fand der Klang in Europa ab Ende der 1980er Jahre ein großes Publikum. In Großbritannien und im Berlin der Nachwendezeit wurde Detroit Techno zu einem wichtigen Bezugspunkt für die entstehende Ravekultur. Atkins legte in Europa regelmäßig als DJ auf, auch im Berliner Club Tresor.
Seine Verbindung nach Deutschland blieb über Jahre bestehen. Bereits 1992 arbeitete er mit Moritz von Oswald und Thomas Fehlmann an „3MB featuring Magic Juan Atkins“. Später bildete er mit von Oswald das Projekt Borderland, das 2013 und 2016 Alben veröffentlichte. Diese Kooperationen stärkten den Austausch zwischen Detroit und Berlin, zwei Städten, die für die Geschichte des Techno besondere Bedeutung haben.
Atkins blieb über mehr als vier Jahrzehnte aktiv: als Produzent, DJ, Labelgründer und Bezugspunkt für nachfolgende Generationen elektronischer Musiker. Sein Werk steht für eine Idee von Tanzmusik, die Maschinen nicht als bloßes Werkzeug verstand, sondern als Mittel, eine andere Zukunft hörbar zu machen.