Kultur · Trauer im Kino
Oscar-Regisseur Sebastián Lelio mit 52 Jahren gestorben
Der chilenische Regisseur Sebastián Lelio ist tot. Seine Familie machte den Tod des 52-Jährigen über Instagram öffentlich. Seine Lebensgefährtin Amalia Kassai sprach von „gesundheitlichen Gründen“, nannte aber keine genaue Todesursache. Lelio zählte zu den international bekanntesten Filmschaffenden Lateinamerikas und wurde vor allem durch „Eine fantastische Frau“ weltweit bekannt. Der Film gewann 2018 den Oscar in der damaligen Kategorie für fremdsprachige Filme.
Tod in Chile bekanntgegeben
Lelio starb in Chile. Medienberichten zufolge wurde er leblos in seinem Haus in Las Condes gefunden, einem Stadtteil in der Metropolregion Santiago de Chile. Kassai, eine deutsch-chilenische Schauspielerin, teilte die Nachricht „mit großer Trauer“ mit.
In Chile löste der Tod des Regisseurs Bestürzung aus. Kulturminister Francisco Undurraga würdigte Lelios Werk und erklärte, dessen Filme hätten Chile „an die Spitze der audiovisuellen Welt“ gebracht. Auch die chilenische Schauspielergewerkschaft Chile Actores reagierte betroffen und bezeichnete den Tod als „einen enormen Verlust“ für die Kultur und die Filmbranche des Landes.
Durchbruch mit „Eine fantastische Frau“
Den größten internationalen Erfolg feierte Lelio mit „Eine fantastische Frau“, im Original „Una mujer fantástica“. Das Drama erzählt von Marina, einer Transgender-Frau, gespielt von Daniela Vega. Nach dem plötzlichen Tod ihres Partners wird sie mit Misstrauen, Ausgrenzung und Vorurteilen konfrontiert.
Der Film gewann 2018 den Oscar für Chile. Es war das erste Mal, dass das Land diese Auszeichnung in der internationalen Kategorie erhielt. Bereits zuvor war das Werk auf der Berlinale ausgezeichnet worden: 2017 erhielt es den Silbernen Bären für das Drehbuch.
Lelio hatte wiederholt betont, dass Berlin für die Entstehung des Films eine wichtige Rolle spielte. Die Idee sei dort entstanden, sagte er 2017. Die Stadt sei für ihn überraschend prägend geworden. Seine Beziehung zur deutschen Hauptstadt begann bereits einige Jahre zuvor.
Prägende Jahre in Berlin
2012 kam Lelio nach Berlin. Der Deutsche Akademische Austauschdienst nahm ihn für ein halbes Jahr in sein Künstlerprogramm auf. In dieser Zeit arbeitete er am Schnitt von „Gloria“, einem in Chile gedrehten Film über eine Frau Ende fünfzig, die ihr Leben selbstbestimmt gestalten will.
„Gloria“ wurde 2013 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt und brachte dem Regisseur internationale Aufmerksamkeit. Hauptdarstellerin Paulina García erhielt den Silbernen Bären als beste Schauspielerin, der Film gewann weitere Preise. Später drehte Lelio eine englischsprachige Neuverfilmung mit Julianne Moore in der Hauptrolle.
Lelio blieb mehrere Jahre in Berlin. In Kreuzberg eröffnete er ein südamerikanisches Restaurant mit dem Namen „Gloria“. Auch künstlerisch blieb die Stadt für ihn ein Bezugspunkt. Über die Zeit rund um „Gloria“ sagte er 2017, sie sei ein Meilenstein gewesen und Berlin habe eine unerwartet große Bedeutung für ihn bekommen.
Blick auf Außenseiter und Normen
Sebastián Lelio wurde 1974 im argentinischen Mendoza geboren. Seine Kindheit verbrachte er im chilenischen Viña del Mar. Später studierte er in Santiago de Chile an der Filmhochschule. Nach mehreren Kurzfilmen legte er 2005 mit „La sagrada familia“ seinen ersten längeren Spielfilm vor.
Schon in seinen frühen Arbeiten beschäftigte sich Lelio mit gesellschaftlichen Erwartungen, Moralvorstellungen und Menschen, die gegen festgelegte Rollenbilder leben. Dieses Interesse prägte auch seine international bekanntesten Filme. Mit „Gloria“ und „Eine fantastische Frau“ rückte er Figuren in den Mittelpunkt, die im Kino lange selten in dieser Form zu sehen waren: Frauen, die trotz Druck von außen um Selbstbestimmung kämpfen.
Sein Erfolg machte Lelio zu einer der wichtigsten Stimmen des chilenischen Gegenwartskinos. Der Oscar für „Eine fantastische Frau“ verschaffte dem chilenischen Film weltweit zusätzliche Sichtbarkeit und machte Daniela Vegas Rolle zu einem viel beachteten Moment für die Darstellung von Transgender-Figuren im internationalen Kino.