Kultur · Feministische Publizistik
Alice Schwarzer beendet Emma nach 50 Jahren
Alice Schwarzer stellt das feministische Magazin Emma ein. Nach 50 Jahren und insgesamt 398 Ausgaben soll am 8. Dezember das letzte Heft erscheinen. Die 83-jährige Gründerin und Herausgeberin begründet den Schritt nicht mit finanzieller Not. Die Auflage sei zwar rückläufig, die Einnahmen reichten aber weiterhin für die Kosten. Schwarzer fasste ihre Entscheidung mit den Worten zusammen: „Es reicht.“
Letzte Ausgabe im Dezember
Die abschließende Ausgabe soll deutlich umfangreicher werden als üblich. Geplant ist ein Rückblick auf die Geschichte des Magazins und auf zentrale Themen, mit denen sich Emma seit den 1970er-Jahren beschäftigt hat. Genannt werden 50 wichtige Schwerpunkte aus fünf Jahrzehnten.
Schwarzer beschreibt das Ende als bewussten Schlussstrich. In einer Mitteilung verweist sie darauf, dass das Magazin über mehrere Generationen hinweg feministische Debatten begleitet und sich auch gegen Positionen gestellt habe, die im Namen des Feminismus vertreten wurden. Dazu heißt es aus dem Umfeld des Magazins sinngemäß, die Redaktion sei nach dieser langen Zeit erschöpft. Als kurzer Satz steht dafür Schwarzers Formulierung: „Jetzt sind wir ermattet.“
Emma erschien im Zweimonatsrhythmus. Das Blatt war stark mit Schwarzer verbunden, die über Jahrzehnte Herausgeberin blieb und immer wieder selbst die publizistische Linie prägte.
Gründung als Gegenentwurf
Die erste Ausgabe kam am 26. Januar 1977 heraus. Schwarzer gründete das Magazin gemeinsam mit einem Kollektiv. Ihr Motiv erklärte sie später mit der aus ihrer Sicht frauenfeindlichen Ausrichtung vieler damaliger Redaktionen. Journalistinnen hätten ein eigenes Forum und eine eigene publizistische Stimme gebraucht.
Emma entwickelte sich zu einem der bekanntesten feministischen Magazine in Deutschland. Das Heft griff früh Themen auf, die später breiter diskutiert wurden. Dazu gehörten Gewalt gegen Frauen, sexuelle Selbstbestimmung, Gleichstellung in Politik und Gesellschaft, das Ehegattensplitting und Genitalverstümmelung. Für viele Debatten bot das Magazin über lange Zeit einen festen Bezugspunkt, auch für Widerspruch.
Immer wieder wurde gefragt, ob Schwarzer die Leitung an eine jüngere Generation übergeben sollte. 2008 übernahm Lisa Ortgies die Chefredaktion. Die Zusammenarbeit endete jedoch nach kurzer Zeit im Streit, danach führte Schwarzer das Magazin wieder selbst.
Kontroversen der vergangenen Jahre
In den letzten Jahren standen Emma und Schwarzer nicht nur wegen feministischer Themen im Zentrum öffentlicher Auseinandersetzungen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sprach sich Schwarzer wiederholt für schnelle Verhandlungen mit Russland aus, teils gemeinsam mit Sahra Wagenknecht. Kritikerinnen und Kritiker warfen ihr vor, die Rollen von Angreifer und angegriffenem Staat nicht ausreichend zu berücksichtigen.
Schwarzer erklärte 2024, diese Haltung habe auch Folgen für die Zahl der Abonnentinnen gehabt. Nach ihrer Darstellung kündigte jede fünfte Leserin aus Protest ihr Abonnement. Zugleich sprach sie von Zustimmung anderer Leserinnen zu dem Kurs des Magazins.
Auch Schwarzers Positionen zu Transidentität lösten Proteste aus. 2023 forderten 33 Autorinnen und Künstler, eine Veranstaltung mit ihr beim Literarischen Herbst in Leipzig abzusagen. Sie warfen ihr unter anderem transfeindliche Aussagen vor. Schwarzer wies den Vorwurf zurück. Sie betonte, sie habe Transsexuelle nicht angegriffen, sehe aber bestimmte politische Forderungen kritisch.
Archiv geht nach Marbach
Nach dem Ende des Magazins soll das Archiv von Emma in das Deutsche Literaturarchiv Marbach übernommen werden. Dort soll es ab 2029 für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich sein. Damit bleibt das Material aus fünf Jahrzehnten feministischer Publizistik erhalten.
Das Ende fällt in eine Phase, in der gedruckte Magazine generell unter Druck stehen und zugleich Debatten über Feminismus, Geschlecht, Krieg und gesellschaftliche Machtverhältnisse stark polarisiert geführt werden. Emma war in diesen Konflikten selten nur Beobachterin. Das Magazin verstand sich als eigenständige Stimme, setzte Themen, widersprach anderen Strömungen und blieb eng mit der Person Alice Schwarzer verbunden. Mit der Ausgabe vom 8. Dezember endet diese publizistische Geschichte als laufendes Heft.