Wissen & Technik · Cyberangriffe auf Kühlung
Geheimdienste prüfen Angriffswelle auf Kühlanlagen
Nach Cyberangriffen auf Steuerungen von Kühl- und Gefrieranlagen in Supermärkten befassen sich deutsche Sicherheitsbehörden mit den Vorfällen. In mehreren europäischen Ländern wurden Systeme manipuliert, auch in Deutschland kam es in einzelnen Lebensmittelmärkten zu Störungen. In mehreren Bundesländern lösten Unbekannte Auftaufunktionen aus; Temperaturen stiegen teils auf bis zu 50 Grad Celsius. Große Mengen an Lebensmitteln verdarben.
Sicherheitsbehörden prüfen die Fälle
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Vorgänge in eine laufende nachrichtendienstliche Prüfung aufgenommen. Auch das Gemeinsame Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen befasst sich mit den Attacken. In diesem Zentrum arbeiten unter anderem der Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und der Militärische Abschirmdienst zusammen.
Die Einschaltung dieser Stellen zeigt, dass die Angriffe nicht mehr nur als einzelne technische Störungen in Supermärkten behandelt werden. Die Fälle werden inzwischen als länderübergreifende Angriffswelle auf digitale Steuerungssysteme bewertet. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums bezeichnete die Manipulation solcher Anlagen mit dem Ziel, Waren zu zerstören, als ernst zu nehmenden Vorgang.
Eine eindeutige Zuordnung zu bestimmten Tätern gibt es bisher nicht. Nach Angaben des Innenministeriums liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor, die einen konkreten Akteur oder eine staatliche Stelle belegen. Damit bleibt offen, ob Kriminelle, politisch motivierte Gruppen oder staatlich gesteuerte Strukturen hinter den Angriffen stehen.
Auftaufunktion aus der Ferne ausgelöst
Bei den Angriffen verschafften sich Unbekannte Zugriff auf Steuerungen von Kühltruhen und Gefrieranlagen. Anschließend aktivierten sie Funktionen, die eigentlich zum Abtauen vorgesehen sind. Dadurch stieg die Temperatur in den Anlagen stark an. Für den Lebensmittelhandel ist eine solche Manipulation besonders folgenschwer, weil verderbliche Waren bei unterbrochener Kühlung rasch unbrauchbar werden.
Neben Deutschland meldeten mehrere europäische Staaten ähnliche Vorfälle. Genannt wurden unter anderem Schweden, Belgien, Estland, Finnland und Luxemburg. Am Montag kamen weitere Meldungen aus Italien, Irland, den Niederlanden und Portugal hinzu. Bereits vor drei Wochen war Frankreich von einem großen Angriff auf Supermarkt-Kühlanlagen betroffen.
Die Angriffe zielen damit auf alltägliche, aber technisch vernetzte Infrastruktur. Kühlanlagen in Märkten werden digital überwacht und gesteuert. Werden solche Systeme manipuliert, kann dies nicht nur wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern auch Abläufe in Filialen stören und Lieferketten zusätzlich belasten.
Bekannte Schwachstellen als möglicher Einstieg
Nach der bisherigen Bewertung der Sicherheitsbehörden sprechen die Erkenntnisse dafür, dass bekannte Schwachstellen in den betroffenen Steuerungssystemen ausgenutzt wurden. Das lenkt den Blick auf eine Gefahr, die in vielen Branchen wächst: Anlagen, die früher weitgehend isoliert betrieben wurden, sind heute häufig Teil digitaler Netze.
Solche Steuerungen kommen nicht nur im Handel vor. Auch Industrie, Energieversorgung, Logistik und Gebäudetechnik arbeiten mit digitalen Kontrollsystemen. Werden Sicherheitslücken nicht geschlossen, können Angreifer darüber reale Prozesse beeinflussen. Im Fall der Supermärkte führte das nicht zu einem Datendiebstahl, sondern zu physischen Folgen: Kühlung fiel aus, Waren wurden zerstört.
Für Unternehmen bedeutet das, dass klassische IT-Sicherheit allein nicht ausreicht. Auch technische Anlagen, die Temperatur, Energie oder Produktion regeln, müssen regelmäßig überprüft und abgesichert werden. Die aktuellen Fälle zeigen, dass Angriffe auf solche Systeme nicht abstrakt bleiben, sondern direkt in den Alltag von Betrieben eingreifen können.
Einordnung in eine breitere Cyberlage
Der Verfassungsschutz warnt seit Längerem vor wachsenden Risiken durch staatlich gelenkte Cyberangriffe. Deutschland stehe im Fokus ausländischer Nachrichtendienste. Besonders gefährdet seien Unternehmen sowie Betreiber kritischer Infrastrukturen. Als besonders relevant bewertet die Behörde weiterhin Risiken im Zusammenhang mit Russland, den Sanktionen der Europäischen Union und der deutschen Unterstützung für die Ukraine.
Parallel geraten auch andere Einrichtungen unter Druck. Die Technische Universität München teilte mit, dass bei einem Hackerangriff möglicherweise persönliche Daten von Studierenden und Beschäftigten abgeflossen sind. Ziel war demnach das zentrale Campus-System, das vorsorglich vom Netz genommen wurde. Zuvor war bereits die Ludwig-Maximilians-Universität München betroffen; dort ging es um rund 600.000 Datensätze von Studierenden. Auch die Universität Leipzig meldet aktuell einen Cybervorfall.
Die Angriffe auf Kühlanlagen fügen sich damit in eine Lage ein, in der digitale Systeme unterschiedlichster Bereiche zu Zielen werden. Neu ist vor allem die sichtbare Wirkung im physischen Raum: Nicht nur Daten und Netzwerke sind betroffen, sondern konkrete Abläufe in Supermärkten und die Haltbarkeit von Waren.