Sport · Tischtennis-EM
Kaufmann verpasst EM-Gold in sieben Sätzen
Annett Kaufmann hat bei der Tischtennis-Europameisterschaft in Ljubljana den Titel im Frauen-Einzel knapp verpasst. Die 20 Jahre alte Deutsche verlor das Endspiel gegen die Russin Abrahamian mit 3:4 Sätzen und gewann Silber. Nach dem Finale gratulierte Kaufmann ihrer langjährigen Freundin, kämpfte danach aber sichtbar mit der Enttäuschung. Für sie bleibt es dennoch der größte Erfolg ihrer bisherigen Laufbahn.
Sieben Sätze gegen eine Freundin
Das Finale entwickelte sich zu einem engen Duell. Kaufmann geriet zunächst in Rückstand, arbeitete sich aber in die Partie zurück und hielt den Ausgang bis zum letzten Satz offen. Am Ende setzte sich Abrahamian durch. Kaufmann erkannte die Leistung ihrer Gegnerin an. „Sie hat am Ende einfach die besseren Bälle gespielt“, sagte die neue Vize-Europameisterin unter Tränen.
Trotz der Niederlage bewertete Kaufmann ihr Turnier später auch mit Abstand. „Ich kann mir nichts vorwerfen“, sagte sie. Zugleich machte sie deutlich, wie schwer ihr Finalniederlagen fallen. Sie sei es, überspitzt formuliert, nicht gewohnt, Endspiele zu verlieren.
Das Duell hatte auch eine persönliche Note. Kaufmann und Abrahamian kennen sich seit ihrer Jugend. Kaufmann, deren Eltern in Kasachstan geboren wurden, sprach vor dem Endspiel von einer engen Verbindung zwischen beiden. Nach ihren jeweiligen Siegen in der zweiten Runde habe sie ihrer späteren Finalgegnerin gesagt: „Wir sehen uns im Finale.“
Starker Weg ins Endspiel
Kaufmann hatte sich in Ljubljana mit mehreren überzeugenden Auftritten bis ins Finale gespielt. Im Viertelfinale besiegte sie Ying Han klar mit 4:0. Im Halbfinale setzte sie sich gegen Nina Mittelham mit 4:3 durch. Beide Duelle waren rein deutsche Begegnungen, in denen das Trainerteam keine direkte Unterstützung gab.
Auch der Sieg gegen die 63 Jahre alte Ni Xia Lian war für Kaufmann ein wichtiger Schritt. Gegen die erfahrene Luxemburgerin sowie gegen die 43-jährige Abwehrspielerin Ying Han bestand sie gegen Gegnerinnen mit großer internationaler Erfahrung. Kaufmann sagte dazu, sie sei körperlich inzwischen in der Lage, ein Turnier bis zum Schluss auf hohem Niveau zu bestreiten.
Neben Silber im Einzel gewann Kaufmann in Ljubljana auch Bronze im Doppel an der Seite von Mittelham. Für den Deutschen Tischtennis-Bund wurde die EM insgesamt erfolgreich. Mittelham und Benedikt Duda holten Gold im Mixed. Dang Qiu gewann Bronze im Herren-Einzel. Mittelham kam im Einzel ebenfalls auf einen Bronzerang. Damit trug Kaufmann wesentlich zu einer starken deutschen Bilanz bei.
Aufstieg seit Olympia
Kaufmann gilt seit den Olympischen Spielen 2024 als eine der prägenden Figuren im deutschen Tischtennis. Damals rückte sie kurzfristig ins Team und spielte sich mit der Mannschaft bis ins Halbfinale. Danach folgten weitere Erfolge: der U19-Weltmeistertitel 2024, der Team-EM-Titel 2025 und Bronze mit der deutschen Mannschaft bei der WM 2026.
Ihr Spiel ist offensiv, emotional und risikobereit. Bundestrainerin Tamara Boros traut ihr auch international gegen die stärksten Spielerinnen viel zu. Kaufmann könne „wirklich sehr gefährlich für die Asiatinnen werden“, sagte Boros. Der Weg dorthin war für die junge Spielerin jedoch nicht nur ein sportlicher Aufstieg. Das Leben als Vollprofi, viele Reisen und Niederlagen gegen routiniertere Gegnerinnen kosteten Kraft.
In Ljubljana zeigte Kaufmann nun, dass sie auch über mehrere Turniertage stabil bleiben kann. Der verpasste Titel ändert nichts daran, dass sie ihren Status als wichtigste deutsche Hoffnungsträgerin untermauert hat.
Rückkehr russischer Athletinnen
Abrahamian durfte bei dieser EM antreten, weil das Startverbot für russische und belarussische Sportlerinnen und Sportler bei solchen Wettbewerben seit Juli nicht mehr gilt. Wegen fehlender Punkte in der europäischen Rangliste musste sie bereits in der Qualifikation beginnen. Zuvor hatte sie unter anderem die U19-EM gewonnen und in diesem Jahr ein internationales WTT-Turnier in Tunis für sich entschieden.
Kaufmann bleibt nach dem Silberrang Teil einer kleinen deutschen Erfolgslinie, verpasste aber einen historischen Schritt. Im Frauen-Einzel wurden bislang nur Agnes Simon 1962, Nicole Struse 1996 und Petrissa Solja 2021 Europameisterinnen für Deutschland. Kaufmann kam diesem Kreis in Ljubljana sehr nahe.