Panorama · Bahnkatastrophe bei Toledo
Mindestens 69 Tote nach Zugunglück in Spanien
Nach dem schweren Zugunglück in Zentralspanien sind mindestens 69 Menschen tot. Drei Tage nach dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge nahe Urda in der Provinz Toledo arbeiten Gerichtsmedizin und Behörden weiter daran, die Opfer zweifelsfrei zu identifizieren. Zum Fortschritt wurden am Samstag unterschiedliche behördliche Zahlen bekannt: Zunächst war von 48 Obduktionen und 13 identifizierten Leichen die Rede, später teilten regionale Behörden mit, alle 69 geborgenen Toten seien obduziert und 36 von ihnen identifiziert worden.
Angehörige warten in Toledo
Die Familien von 27 Opfern wurden nach Angaben der Behörden bereits informiert. Angehörige vermisster Menschen sollen DNA-Proben abgeben, damit die Identifizierung schneller vorankommt. In einem Betreuungszentrum in Toledo warteten Medienberichten zufolge rund 50 Verwandte und Freunde weiter auf Gewissheit. Knapp 30 Psychologinnen und Psychologen kümmern sich dort um die Betroffenen.
Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte, die Familien sollten so rasch wie möglich Klarheit erhalten. Ob sich unter den Toten oder Verletzten Menschen aus Deutschland befinden, war am Samstag nicht geklärt.
Das Unglück ereignete sich am Mittwoch nahe der Gemeinde Urda, etwa 130 Kilometer südlich von Madrid. Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe prallte dort in das Heck eines stehenden Zuges des privaten Betreibers Iryo. Die betroffene Verbindung zwischen Madrid und Andalusien bleibt weiterhin in beiden Richtungen gesperrt.
34 Verletzte noch in Kliniken
Bei dem Zusammenstoß wurden rund 200 Menschen verletzt. 34 von ihnen werden noch in vier Krankenhäusern versorgt, 15 liegen auf Intensivstationen. Der Regionalpräsident von Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, beschrieb die Entwicklung ihres Gesundheitszustands als vergleichsweise positiv.
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf technische und organisatorische Fragen. Im Mittelpunkt stehen der Ausfall des Zugsicherungssystems LZB sowie mögliche Fehlentscheidungen in der Bahnleitstelle in Madrid. Die Fahrdatenschreiber beider Züge sind geborgen und werden ausgewertet.
Veröffentlichte Funkaufnahmen deuten darauf hin, dass der Lokführer des Renfe-Zuges von der Leitstelle in Madrid die Anweisung erhalten haben könnte, den regulären Betrieb fortzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt soll das LZB-System weiterhin ausgefallen gewesen sein, während sich der andere Zug noch auf der Strecke befand. Die Ermittlungen sollen klären, welche Abläufe unmittelbar vor dem Zusammenstoß eine Rolle spielten.
Regierung unter Druck
Verkehrsminister Óscar Puente verteidigte die Sicherheit des Bahnnetzes und lehnte Forderungen nach seinem Rücktritt ab. Er soll sich am Dienstag vor einem Parlamentsausschuss zu dem Unglück äußern. Sánchez kündigte Investitionen an, mit denen die Sicherheit im Bahnverkehr weiter verbessert werden soll. Die Regierung wolle nicht nur die Ursache feststellen, sondern auch Maßnahmen vorlegen, die eine Wiederholung verhindern.
Gewerkschaften verweisen unterdessen auf eine hohe Belastung des Bahnpersonals. Sie beklagen zunehmende Ermüdungserscheinungen bei Beschäftigten im Bahnsektor. Ob diese Hinweise im konkreten Fall eine Bedeutung haben, ist Gegenstand der weiteren Aufarbeitung.
Das Unglück trifft Spanien wenige Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen am 29. November. Es ist bereits die zweite schwere Bahnkatastrophe im Land innerhalb von neun Monaten. Im Januar waren bei einem Zusammenstoß zweier Züge in Adamuz in Andalusien 46 Menschen ums Leben gekommen. Die neuerliche Katastrophe rückt damit neben der unmittelbaren Hilfe für Verletzte und Angehörige auch Fragen zur Sicherheit im Hochgeschwindigkeitsverkehr in den Vordergrund.