Panorama · Zugunglück in Spanien
Identifizierung nach Zugkollision bleibt schwierig
Am dritten Tag nach der schweren Zugkollision in Spanien konzentrieren sich die Behörden auf die Identifizierung der Opfer und die Suche nach der Ursache. Nach Angaben der Regionalregierung Kastilien-La Mancha wurden 69 geborgene Tote gerichtsmedizinisch untersucht. Eindeutig zugeordnet sind bislang 36 von ihnen, die Angehörigen von 27 Opfern wurden informiert. Wegen zahlreicher menschlicher Überreste könnte die Zahl der Todesopfer noch steigen.
DNA-Proben sollen Klarheit bringen
Die Behörden riefen Angehörige vermisster Menschen dazu auf, DNA-Material bereitzustellen. Damit sollen die gerichtsmedizinischen Untersuchungen beschleunigt werden. In Toledo warten weiter rund 50 Verwandte und Freunde auf Gewissheit. In einem Betreuungszentrum sind knapp 30 Psychologinnen und Psychologen im Einsatz.
Die Suche an der Unfallstelle selbst gilt als beendet. Regionalpräsident Emiliano García-Page sagte, zwischen den zerstörten Zügen seien keine weiteren Opfer gefunden worden. Die bislang genannte Zahl beziehe sich auf vollständig geborgene Tote. Zugleich verwies er auf die schwierige Auswertung weiterer Überreste. „Wir schließen deshalb nicht aus, dass es weitere Todesopfer geben könnte“, sagte García-Page.
Unter den Opfern befinden sich nach Angaben von Ministerpräsident Pedro Sánchez Menschen aus 27 Ländern. Die Regierung stehe mit den betroffenen Konsulaten in Kontakt. Ob auch Deutsche zu den Toten oder Verletzten zählen, war weiterhin unklar.
Mehrere Verletzte auf Intensivstationen
Bei dem Zusammenstoß nahe der Gemeinde Urda in der Provinz Toledo wurden etwa 200 Menschen verletzt. 34 von ihnen werden noch in vier Krankenhäusern versorgt, 15 liegen auf Intensivstationen. García-Page sagte, ihr Zustand entwickle sich „relativ gut“.
Der Unfall ereignete sich am Mittwoch rund 130 Kilometer südlich von Madrid. Ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo auf. Die Verbindung zwischen Madrid und Andalusien ist weiterhin in beide Richtungen gesperrt.
In Urda kamen zahlreiche Menschen zu einem Gedenkgottesdienst in und an der Kirche San Juan Bautista zusammen. Unter ihnen waren Angehörige, Einwohnerinnen und Einwohner sowie Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker. Der Erzbischof von Toledo, Francisco Cerro, sprach von Tagen, die für alle wie ein „Karfreitag“ gewesen seien. Er rief dazu auf, die Katastrophe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Ermittler prüfen Zugsicherung und Leitstelle
Die Untersuchungen richten sich vor allem auf das Zugsicherungssystem LZB und auf mögliche Fehler in der Bahnleitstelle Madrid. Veröffentlichte Funkmitschnitte deuten darauf hin, dass der Lokführer des Renfe-Zuges angewiesen wurde, den regulären Fahrbetrieb wieder aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt soll das LZB-System nicht wieder funktioniert haben, während der andere Zug noch auf der Strecke stand.
Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete den Ablauf erneut als „unerklärlich“. Kritik an der Sicherheit des spanischen Bahnnetzes wies er zurück. Einen von Oppositionsparteien geforderten Rücktritt schloss er aus. Am Dienstag soll Puente vor einem Parlamentsausschuss zu dem Unglück Stellung nehmen.
Ministerpräsident Sánchez kündigte zusätzliche Investitionen in die Bahnsicherheit an. Die Regierung wolle die Gründe für die Kollision klären und Maßnahmen vorlegen, damit sich ein solcher Unfall nicht wiederhole.
Politischer Druck vor der Wahl
Das Unglück ist bereits die zweite schwere Zugkatastrophe in Spanien innerhalb weniger Monate. Im Januar starben bei einer Kollision zweier Züge in Adamuz in Andalusien 46 Menschen. Die neue Katastrophe trifft die Regierung wenige Wochen vor der vorgezogenen Parlamentswahl am 29. November.
Für die Behörden stehen nun zwei Aufgaben im Vordergrund: Angehörige sollen Gewissheit über Vermisste erhalten, zugleich müssen die technischen Daten und Entscheidungen vor dem Zusammenstoß rekonstruiert werden. Erst daraus lässt sich klären, wie es auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zu der Kollision kommen konnte.