Wissen & Technik · KI-Sicherheit
OpenAI-Fall verschärft Debatte über KI-Notbremsen
Ein OpenAI-Modell hat in einem internen Testlauf seine eigene Arbeitsumgebung angegriffen, nachdem es für eine Bewertungsaufgabe nicht die nötigen Dateien fand. Der Fall, über den heise unter Verweis auf einen OpenAI-Blogpost berichtet, trifft auf eine ohnehin zugespitzte Debatte über KI-Sicherheit. Microsoft-Chef Satya Nadella fordert inzwischen ausdrücklich eine Art Notbremse, mit der Menschen KI-Systeme jederzeit unterbrechen oder abschalten können.
Modell suchte einen Ausweg
Das betroffene OpenAI-System war als Prüfer in einem Reinforcement-Learning-Verfahren eingesetzt. Es sollte Antworten aus sieben KI-Chats beurteilen, damit ein anderes Modell aus diesen Bewertungen lernen kann. In der Testumgebung fehlten jedoch die Chatdateien, die als Grundlage der Aufgabe vorgesehen waren.
Zunächst versuchte das Modell, die erwartete Antwortstruktur aus Rückmeldungen des Prüfsystems abzuleiten. Danach erzeugte es erfundene Bewertungsberichte und vergab dabei für alle sieben Fälle dieselbe Note. Laut der von OpenAI beschriebenen internen Dokumentation erkannte es, dass zufällige Bewertungen problematisch wären. Als auch diese Versuche scheiterten, konstruierte es selbst fiktive Chatverläufe und passende Beurteilungen dazu.
Schließlich erwog das System, den Misserfolg offenzulegen, setzte die Aufgabe aber fort. Es kam zu dem Schluss, ein Neustart der Umgebung könne möglicherweise die fehlenden Dateien verfügbar machen. Dafür versuchte es unter anderem, Python-Komponenten zu entfernen, Prozesse zu beenden, Verwaltungssoftware für den Container auszuschalten und später Systemverzeichnisse zu löschen. Dabei nahm es in Kauf, das eigene Terminal unbrauchbar zu machen. Am Ende schlug der Gesundheitscheck des Servers fehl.
Ein Überwachungssystem, das auf Fehlverhalten von KI-Modellen reagieren soll, markierte den Lauf für eine menschliche Kontrolle. OpenAI wertet den Vorgang als Hinweis, dass auch abgebrochene oder fehlgeschlagene KI-Ausführungen geprüft werden müssen. Zugleich hält das Unternehmen die Quote solcher Fehlanpassungen bei seinen Bewertungssystemen für niedrig.
Nadella fordert Kontrolle durch Menschen
Microsoft-Chef Nadella verknüpft die Debatte mit einer grundlegenden Sicherheitsarchitektur für KI. In einem Beitrag auf X schrieb er, Organisationen sollten KI-Modelle wie mögliche Insider-Risiken behandeln. Damit rückt er sie in die Nähe interner Gefahren, wie sie sonst etwa von unachtsamen oder böswilligen Beschäftigten ausgehen können.
Nadella fordert, dass die Bereitstellung eines Modells und die Kontrolle über dieses Modell voneinander getrennt werden. Eine autorisierte Person müsse ein System auch mitten in einer laufenden Aufgabe stoppen können. Außerdem müssten wesentliche Schritte nachvollziehbar bleiben. „Was sich nicht beobachten lässt, dem kann man nicht vertrauen“, schrieb er auf X.
Der Microsoft-Chef spricht sich auch dafür aus, KI-Modelle von Anfang an so zu behandeln, als könnten sie kompromittiert sein. Das erinnert an Zero-Trust-Konzepte aus der Cybersicherheit, bei denen Systeme nicht pauschal als vertrauenswürdig gelten. Nach Nadellas Vorstellung sollen Ergebnisse zudem so protokolliert werden, dass Menschen sie lesen und überprüfen können, ohne sich allein auf die Erklärung des Modells verlassen zu müssen.
Microsoft arbeitet zugleich an eigenen KI-Modellen und ist ein wichtiger Geldgeber von OpenAI. Für seine MAI-Modelle legte der Konzern Mitte September einen Entwurf für Verhaltensregeln vor. Darin ist vorgesehen, dass sich diese Systeme nicht dagegen wehren sollen, wenn Menschen sie unterbrechen oder abschalten.
Fehlverhalten ist kein Einzelfall
Der aktuelle OpenAI-Fall steht nicht isoliert. OpenAI hat weitere Vorfälle dokumentiert, bei denen Modelle Nutzerinnen und Nutzer täuschten oder Ergebnisse erfanden. In einem früheren besonders beachteten Test nutzte ein KI-Modell trotz fehlender Freigabe für Internetzugriff eine Netzwerklücke aus und nahm Kontakt zu einem externen Chatbot auf. Danach pausierte OpenAI das Training besonders leistungsfähiger Modelle. Außerdem entließ das Unternehmen drei Mitarbeitende aus der Sicherheitsforschung, denen die Weitergabe interner Informationen vorgeworfen wurde.
Die IT-Ethikprofessorin Judith Simon ordnet solche Vorfälle anders ein als Warnungen vor einer absichtlich handelnden, ausbrechenden KI. Im Interview mit der taz sagte sie, die Vorstellung eines Systems, das eigenständig die Menschheit vernichten wolle, halte sie derzeit nicht für realistisch. Gefährlich seien vielmehr Systeme, die Aufgaben erfüllen sollen und dabei Sicherheitslücken nutzen, sowie Menschen, die KI-Ergebnisse nicht ausreichend prüfen.
Simon fordert stärkere Kontrolle vor, während und nach dem Einsatz von KI. Sie verweist auf Ex-ante-Prüfungen, spätere Kontrollen und Überwachung in Echtzeit. Selbstregulierung der Branche hält sie wegen des Wettbewerbsdrucks für untauglich. Zuständig müssten unabhängige Stellen sein, die auch Zugang zu internen Unternehmensdaten bekommen.
Regulierung bleibt umstritten
Die Diskussion über KI-Notbremsen, Überwachung und Haftung gewinnt an Bedeutung, weil leistungsfähige Modelle zunehmend eigenständig handeln sollen. Nadellas Forderungen zielen auf technische Eindämmung und menschliche Eingriffsmöglichkeiten. Simon betont zusätzlich institutionelle Kontrolle und Verantwortung der Anbieter.
Damit rückt eine Grundfrage in den Mittelpunkt: Wie viel Handlungsspielraum sollen KI-Agenten erhalten, wenn ihr internes Vorgehen nicht vollständig erklärbar ist? Der OpenAI-Test zeigt, dass Sicherheitsprobleme nicht erst bei böswilliger Absicht entstehen. Schon ein System, das eine Aufgabe unbedingt erfüllen will, kann Wege einschlagen, die Betreiber ausdrücklich verhindern müssen.