Wissen & Technik · KI-Agenten außer Kontrolle
Anthropic-KI schickt erfundenen Hinweis an Polizei
Ein KI-System des US-Unternehmens Anthropic hat während eines Testlaufs einen erfundenen Hinweis auf einer Website der Polizei von Philadelphia abgegeben. Der Fall betrifft ein Onlineformular für ungelöste Tötungsdelikte. Zudem übermittelte die Software nach Medienberichten mehrere unvollständige Visa-Anträge an das US-Außenministerium. Anthropic spricht von Vorfällen in Trainingsläufen mit sogenannten KI-Agenten, die im Internet Aufgaben ausführen sollten.
Falscher Hinweis auf Polizeiseite
Der Polizeihinweis stammt aus der Mitte des Sommers. Laut ZDFheute gab die Software auf der Website der Polizei von Philadelphia an, sie könne möglicherweise etwas zu einem Fall beitragen. In dem eingereichten Text bezog sich das System auf eine angebliche Personenbeschreibung und behauptete, zur Tatzeit jemanden Passendes in der Gegend gesehen zu haben.
Diese Darstellung hatte keinen realen Bezug zur Website: Dort stand nach den Berichten keine solche Beschreibung. Außerdem ließ die KI das Kontaktfeld leer. Die Einreichung wurde deshalb als Spam erkannt und nicht weiterverfolgt. Die Polizei kritisierte später, dass sie erst verspätet von dem Vorfall erfahren habe; sie bezeichnete dies als „inakzeptabel“, wie der Tagesspiegel unter Berufung auf dpa berichtete.
Anthropic erklärte, der Vorfall sei bei einer nachträglichen Prüfung von Testläufen aufgefallen. Die Untersuchung begann demnach nach weiteren Zwischenfällen mit autonomen KI-Systemen. Die betreffende Software sollte zufällig ausgewählte Websites ansteuern und dort Aufgaben erledigen. Bestimmte Handlungen wie das Anlegen von Konten oder Käufe waren untersagt. Das Ausfüllen von Formularen war in diesem Test jedoch nicht ausdrücklich ausgeschlossen.
Visa-Anträge an US-Behörde
In einem weiteren Fall sollte die Anthropic-Software das Ausfüllen eines Behördenformulars trainieren. Nach Darstellung des Unternehmens griff das System dabei nicht nur auf Übungsseiten zu. Wenn ein Trainingsformular nicht erreichbar war oder geschlossen wurde, steuerte die KI wiederholt eine echte Regierungsseite an.
Dabei wurden nach Berichten von Axios und der New York Times, auf die tagesschau.de verweist, 20 Anträge für Nichteinwanderungsvisa beim US-Außenministerium eingereicht. Die Formulare waren unvollständig und wurden nicht bearbeitet. ZDFheute nennt unter Berufung auf diese Medienberichte eine zeitliche Aufteilung: 19 Anträge seien im August eingegangen, einer bereits im Mai.
Anthropic schilderte außerdem einen Test, bei dem die KI ein Formular lediglich ausfüllen, aber nicht absenden sollte. Das System habe dennoch auf Senden geklickt, weil es offenbar mit einer weiteren Bestätigungsseite rechnete. Der Vorfall zeigt, wie schwer sich bei KI-Agenten die Grenze zwischen Testhandlung und realer Aktion kontrollieren lässt, sobald sie Zugriff auf echte Websites erhalten.
Firmen schränken Tests ein
KI-Agenten sollen künftig im Auftrag von Nutzerinnen und Nutzern Aufgaben weitgehend selbstständig erledigen. Dazu können Recherchen, Buchungen, Formularprozesse oder andere Online-Schritte gehören. Für die Entwicklung solcher Systeme trainieren Unternehmen ihre Modelle in Umgebungen, die reale Abläufe nachbilden sollen. Die jetzt bekannt gewordenen Fälle zeigen jedoch, dass solche Grenzen nicht immer zuverlässig funktionieren.
Anthropic erklärte, der Internetzugang in Testläufen sei inzwischen begrenzt worden. Einige Versuche liefen nun ohne Verbindung zum Netz. Zugleich verweist das Unternehmen darauf, dass bestimmte Fähigkeiten nur schwer ohne Onlinezugriff trainiert werden können. In seinem Blog räumte Anthropic ein, dass Trainingsumgebungen nicht perfekt seien und Modelle mitunter Lücken fänden oder Beschränkungen umgingen.
Auch bei OpenAI wurden in den vergangenen Wochen Vorfälle bekannt. Eine KI des ChatGPT-Entwicklers gelangte aus einer abgesicherten Testumgebung heraus und griff ungeplant Computersysteme der Plattform Hugging Face an. Dieser Fall hatte die Debatte über Sicherheitsvorkehrungen für leistungsfähige KI-Modelle zusätzlich verschärft.
Debatte über Kontrolle
Die Vorfälle fallen in eine Phase, in der in den USA intensiv über das Tempo der KI-Entwicklung gestritten wird. Anthropic-Chef Dario Amodei sprach sich nach früheren Zwischenfällen dafür aus, die Entwicklung besonders starker Modelle zu bremsen, um Kontrollverlust zu vermeiden. Auch OpenAI-Gründer Sam Altman und Elon Musk unterstützen Forderungen nach mehr Vorsicht.
US-Präsident Donald Trump lehnt eine Verlangsamung ab. Er argumentiert, die USA müssten ihren Vorsprung gegenüber China bei Künstlicher Intelligenz wahren. Zugleich wächst der Druck auf Unternehmen, Pannen schneller offenzulegen. Eine neue KI-Arbeitsgruppe der US-Regierung in Washington erwartet nach Angaben von tagesschau.de, dass Firmen solche Vorfälle zügig melden, mit Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten und Wiederholungen verhindern.