Zum Inhalt springen
Stündlich aktualisiert

Wissen & Technik · Nobelpreiswoche in Stockholm

Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis

Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson wird mit dem Literaturnobelpreis geehrt. In Frankfurt reagieren Verlage und Übersetzerinnen unmittelbar auf die Entscheidung aus Stockholm.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Bücher und feierliches Licht stehen für die Vergabe des Literaturnobelpreises.
Symbolbild: Bücher und feierliches Licht stehen für die Vergabe des Literaturnobelpreises. KI-generiert

Die kanadische Autorin Anne Carson erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie gab die Entscheidung in Stockholm bekannt. Carson, 76 Jahre alt, ist Lyrikerin, Essayistin, Übersetzerin und Altphilologin. Ihr Werk verbindet antike Stoffe mit Gegenwartserfahrungen und überschreitet häufig die Grenzen klassischer Gattungen.

Entscheidung aus Stockholm

Die Bekanntgabe fiel mitten in die Frankfurter Buchmesse. Am Stand des Berliner Verlags Matthes & Seitz, der mehrere Carson-Bücher veröffentlicht hat, sammelten sich laut taz kurz nach der Verkündung erste Journalistinnen und Journalisten. Dort erschien auch Marie Luise Knott, die vier Werke der neuen Preisträgerin ins Deutsche übertragen hat.

Knott hob gegenüber der taz Carsons sprachliche Beweglichkeit hervor. Sie übersetze Carson, weil sie deren Werk fessele, sagte sie sinngemäß. Die kanadische Autorin sei vielschichtig und nutze das Englische auf eine besonders flexible Weise. Bei den Übertragungen ins Deutsche habe sie die eigene Sprache erweitern müssen. Obwohl manche Bücher schmal seien, habe die Arbeit daran teils Jahre beansprucht.

Auch der Verleger Andreas Rötzer schilderte auf der Messe, warum sein Haus früh Rechte an Carsons Werk erwarb. Besonders Carsons kurze Prosatexte und ihre Verbindung von Denken und dichterischer Form hätten ihn angesprochen. Der S. Fischer Verlag, der ebenfalls Carson-Titel herausgegeben hat, reagierte nach Angaben der taz ebenfalls erfreut. Dort erschienen unter anderem deutsche Ausgaben von „Rot“ und „Decreation“.

Antike Stoffe, heutige Fragen

Carsons Bücher greifen oft weit in die Literatur- und Ideengeschichte zurück. Zugleich bleiben sie nicht bei der Rekonstruktion alter Texte stehen. Sie nimmt Figuren aus der griechischen Mythologie, aus der Philosophie oder aus der Bibel und stellt sie in neue Zusammenhänge. Dabei entstehen Texte, die zwischen Gedicht, Essay, Erzählung, Fragment und Bühnenform wechseln.

Die Tagesschau beschreibt Carson als Autorin, die Gewissheiten misstraut und feste Erwartungen unterläuft. In ihren Arbeiten erscheinen antike Gestalten nicht als ferne Denkmäler, sondern als Figuren mit heutigen Konflikten. Herakles, Geryon, Antigone oder Lazarus werden so zu Trägern von Fragen nach Begehren, Gewalt, Identität, Erinnerung und Sprache.

Zu ihren bekannten Werken zählen „Der bittersüße Eros“ und „Rot“. In „Der bittersüße Eros“ setzt sie sich mit Verlangen und antiken Vorstellungen von Liebe auseinander. „Rot“ knüpft an den Mythos um Geryon an und verlegt ihn in eine moderne Form. Auch ihre Übersetzungen aus dem Griechischen haben Wirkung entfaltet; sie werden an Theaterbühnen gespielt.

Reaktionen auf der Buchmesse

Für deutsche Verlage ist die Auszeichnung auch ein Moment großer Aufmerksamkeit. Matthes & Seitz und S. Fischer haben Carson in deutscher Sprache verfügbar gemacht. Die Reaktionen auf der Frankfurter Buchmesse zeigen, dass ihr Werk hierzulande zwar in literarischen Kreisen geschätzt wird, aber nun ein deutlich größeres Publikum erreichen dürfte.

Knott verwies besonders auf Carsons Beschäftigung mit Sappho. Carson hat die griechische Dichterin nicht nur erforscht, sondern auch übersetzt. Für ihre eigene Arbeit an den deutschen Fassungen holte Knott nach Darstellung der taz auch altphilologische Beratung hinzu. Das passt zu Carsons Arbeitsweise: Sie bewegt sich zugleich als Dichterin, Wissenschaftlerin und Übersetzerin durch die Texte der Antike.

Einordnung

Der Literaturnobelpreis würdigt damit eine Autorin, deren Werk kaum auf eine einfache Formel zu bringen ist. Carson arbeitet mit Lücken, Brüchen und Perspektivwechseln. Ihre Texte können gelesen, gesprochen oder aufgeführt werden. Gerade diese Offenheit macht sie für die Gegenwart anschlussfähig.

Mit der Entscheidung aus Stockholm rückt in der Nobelpreiswoche eine Schriftstellerin in den Mittelpunkt, die klassische Bildung nicht als abgeschlossenes Archiv behandelt. Carson nutzt alte Stoffe, um gegenwärtige Fragen neu zu stellen. Die Auszeichnung macht ihr Werk nun über den Kreis ihrer langjährigen Leserinnen und Leser hinaus sichtbar.