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Wirtschaft · Energie und Verkehr

Warum der Spritpreis politisch bleibt

Öl ist noch auf Jahrzehnte verfügbar, aber nicht einfach zu sichern. Reserven, Nachfrage, Raffinerien, Niedrigwasser und Angriffe auf Anlagen halten Benzin und Diesel politisch.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Die Preise für Benzin und Diesel hängen auch von Fördertechnik, Raffinerien, Transportwegen und politischen Entscheidungen ab.
Symbolbild: Die Preise für Benzin und Diesel hängen auch von Fördertechnik, Raffinerien, Transportwegen und politischen Entscheidungen ab. KI-generiert

Benzin und Diesel bleiben ein politisches Thema, weil ihr Preis nicht allein an der Zapfsäule entsteht. Entscheidend sind Erdölreserven, Fördertechnik, Investitionen, Raffinerien, Transportwege und Sicherheitsrisiken. Zwar reichen die heute wirtschaftlich gewinnbaren Ölvorräte rechnerisch noch mehrere Jahrzehnte. Doch Fachleute betonen, dass solche Zahlen nur eine Momentaufnahme sind. Gleichzeitig verschieben Elektromobilität, wachsende Nachfrage in Teilen der Welt und Angriffe auf Energieanlagen die Bedingungen an den Märkten.

Reichweite ist keine feste Größe

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beziffert die weltweiten Erdölreserven auf 252 Milliarden Tonnen. Bei einer Jahresförderung von zuletzt 4,55 Milliarden Tonnen ergäbe sich daraus eine rechnerische Reichweite von 55,4 Jahren. Diese Zahl klingt eindeutig, beschreibt aber nur den heutigen Stand von Technik, Preisen und wirtschaftlicher Förderbarkeit.

BGR-Geologe Martin Pein erläuterte n-tv.de, dass sich Reserven ständig verändern. Gemeint sind nur jene Mengen, die nachgewiesen sind und sich unter aktuellen Bedingungen rentabel fördern lassen. Daneben gibt es Ressourcen: bekannte oder geologisch vermutete Vorkommen, die derzeit noch nicht oder nicht wirtschaftlich nutzbar sind. Die BGR setzt diese Erdölressourcen weltweit mit 498 Milliarden Tonnen an, also etwa doppelt so hoch wie die Reserven.

Der Unterschied ist für die Spritdebatte zentral. Neue Förderverfahren können Ressourcen in Reserven verwandeln. In den USA gelang das mit Fracking, durch das Öl und Gas aus dichtem Schiefergestein wirtschaftlich erschlossen wurden. Auch höhere Ölpreise können Lagerstätten interessant machen, die zuvor zu teuer waren. Umgekehrt hängt die Verfügbarkeit davon ab, ob Unternehmen investieren und ob Staaten Such- und Förderrechte vergeben oder entziehen.

Nachfrage verschiebt sich

Der Ölverbrauch hat über Jahrzehnte fast durchgehend zugenommen. Besonders wachsende Volkswirtschaften treiben die Nachfrage weiter an. In Europa ist der Verbrauch hingegen zurückgegangen, in den USA stieg er seit 2010 nur noch wenig. Ein wichtiger Hebel ist der Straßenverkehr, der rund 45 Prozent der weltweiten Ölnachfrage ausmacht.

Elektroautos können diesen Teil der Nachfrage dämpfen. In China stagniert der Ölverbrauch im Straßenverkehr inzwischen, während die Zulassungen von Elektrofahrzeugen und andere Alternativen zulegen. Die gesamte chinesische Ölnachfrage nahm zuletzt dennoch zu, vor allem wegen der Petrochemie.

Die Internationale Energieagentur beschreibt in ihrem World Energy Outlook 2025 ein Szenario auf Grundlage bereits geltender politischer Maßnahmen. Darin steigt die globale Ölnachfrage von rund 100 Millionen Barrel täglich auf 105 Millionen im Jahr 2035 und 113 Millionen im Jahr 2050. Die IEA versteht solche Szenarien nicht als Vorhersage, sondern als Rechenpfad unter bestimmten Annahmen.

Raffinerien und Kriegsrisiken

Für Verbraucherinnen und Verbraucher zählt am Ende nicht Rohöl, sondern Benzin, Diesel, Kerosin oder Schmierstoff. Deshalb sind Raffinerien, Pipelines, Häfen und Lager genauso wichtig wie Förderfelder. Wird diese Infrastruktur knapp, beschädigt oder politisch beschränkt, kann das die Versorgung mit Produkten beeinflussen, selbst wenn geologisch genug Öl vorhanden ist.

Der Krieg gegen die Ukraine zeigt diese Verwundbarkeit. Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte in einem von Handelsblatt aufgegriffenen Reuters-Interview verstärkte Angriffe auf russische Ölraffinerien an. Er stellte dies als Reaktion auf russische Attacken gegen ukrainische Energieinfrastruktur dar. Russland bestreitet, zivile Ziele anzugreifen; auch Selenskyj erklärte, die Ukraine werde keine zivilen Ziele attackieren.

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte dem Handelsblatt zufolge beim Waldai-Forum, ukrainische Angriffe auf Raffinerien hätten Russland wirtschaftlich belastet. Er bezifferte die Kosten auf ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Solche Angaben unterstreichen, warum Raffinerien nicht nur industrielle Anlagen sind, sondern auch strategische Ziele und damit ein Faktor in der Energiepolitik.

Infrastruktur bleibt Teil der Energiefrage

Auch Transportwege können Energiemärkte beeinflussen. Niedrige Pegelstände in deutschen Flüssen schränkten im Sommer die Binnenschifffahrt ein. Nach Angaben der Bundesnetzagentur, über die tagesschau.de berichtete, konnten Kohlekraftwerke vor allem in Süddeutschland zeitweise nur mit reduzierten Schiffsladungen beliefert werden. Auswirkungen auf die Verfügbarkeit der Kraftwerke gab es demnach bisher nicht.

Bundesumweltminister Carsten Schneider fordert vor diesem Hintergrund höhere Investitionen in Wasserinfrastruktur. Der Bund stellt den Ländern aus dem Infrastruktur-Sondervermögen 100 Milliarden Euro bereit. Für die Energieversorgung ist das ein weiterer Hinweis: Preise und Versorgung hängen nicht nur von Rohstoffmengen ab, sondern auch von politischen Entscheidungen, Klimaeinflüssen und belastbarer Infrastruktur.

Für Benzin und Diesel bedeutet das: Ein baldiges geologisches Ende des Öls ist nicht der entscheidende Punkt. Politisch brisant bleibt vielmehr, zu welchen Kosten Öl gefördert, transportiert, verarbeitet und ersetzt wird. Genau dort entstehen die Konflikte, die Spritpreise dauerhaft auf der politischen Tagesordnung halten.