Wirtschaft · Autonomes Fahren
VW setzt bei Fahrassistenz auf Wayve
Volkswagen richtet seine Entwicklungsarbeit für automatisierte Fahrfunktionen neu aus. Nach dem Ende der Technologiepartnerschaft mit Bosch soll künftig das Londoner KI-Unternehmen Wayve helfen, Assistenzsysteme der Konzernmarken wettbewerbsfähiger zu machen. Wie heise unter Berufung auf den Spiegel berichtet, setzte sich Wayve bei Testfahrten in London gegen mehrere Konkurrenten durch, darunter auch Nvidia.
Entscheidung nach Londoner Tests
Bei der Auswahl ging es um Software, die künftige Fahrassistenzsysteme von VW-Marken verbessern soll. Der Konzern steht dabei unter Druck, weil andere Hersteller ihre Systeme bereits in mehreren Märkten ausrollen. In London traten dem Bericht zufolge verschiedene Anbieter gegeneinander an. Wayve überzeugte besonders in dichtem Stadtverkehr.
Der Spiegel schildert unter Berufung auf einen VW-Konzernentscheider eine Testfahrt mit einem Audi A6 e-tron. Das Fahrzeug soll mit Wayve-Software erkannt haben, dass ein entgegenkommendes Auto per Lichthupe freiwillig den Weg freigibt. Anschließend fuhr es demnach selbstständig in eine Parklücke. Diese Szene spielte offenbar eine wichtige Rolle bei der Bewertung der Technik.
Dass Nvidia nicht als Softwarepartner ausgewählt wurde, bedeutet nicht zwingend einen vollständigen Ausschluss des US-Konzerns aus dem Projektumfeld. Denkbar bleibt laut heise ein Auftrag für Rechenchips. Nvidia ist zudem an Wayve beteiligt und liefert Technik für Robotaxi-Tests des britischen Unternehmens in London.
KI statt fest programmierter Regeln
Wayve verfolgt einen anderen Ansatz als viele klassische Systeme für automatisiertes Fahren. Nach Unternehmensangaben soll die Software in unterschiedlichen Fahrzeugmodellen genutzt werden können. Sie setzt vor allem auf Kameradaten und erlernte Muster, statt auf detaillierte 3D-Karten und fest definierte Softwarevorgaben.
Kern des Systems ist ein neuronales Netz, das viele Verarbeitungsschritte bündelt. Es verarbeitet Sensordaten und leitet daraus Fahrentscheidungen ab. Wayve bezeichnet diesen Ansatz als End-to-End Deep Learning. Fahrzeuge sollen damit auch mit Situationen zurechtkommen, die nicht zuvor exakt in Trainingsdaten abgebildet waren.
Das Startup wurde 2017 gegründet. Nach eigenen Angaben hat es in vier Finanzierungsrunden rund 2,8 Milliarden US-Dollar eingeworben. Neben Volkswagen arbeiten auch Nissan, Stellantis und Mercedes mit Wayve zusammen oder sind als Investoren beteiligt. Damit ist das Unternehmen inzwischen ein wichtiger Anbieter in einem Feld, in dem Autohersteller Softwarekompetenz zunehmend selbst steuern oder über enge Partnerschaften absichern wollen.
Konkurrenz macht Tempo
Für Volkswagen ist die Kooperation Teil eines breiteren Wettbewerbs um automatisierte Fahrfunktionen. Tesla hat sein System Full Self-Driving in mehreren europäischen Ländern auf SAE-Level 2 zugelassen bekommen. Bei diesem Automatisierungsgrad bleibt die Person am Steuer verantwortlich und muss jederzeit eingreifen können.
Nach einer ersten vorläufigen Typgenehmigung in den Niederlanden im April 2026 folgten weitere Länder, darunter Litauen, Estland, Dänemark, Belgien, Slowenien und Tschechien. Eine EU-weite Zulassung wird dagegen als zunehmend unwahrscheinlich beschrieben. In Deutschland prüft das Kraftfahrt-Bundesamt derzeit Teslas System.
Auch Mercedes ist in diesem Bereich aktiv. In Deutschland dürfen bislang nur wenige Modelle entsprechende Funktionen auf diesem Niveau nutzen, darunter die S-Klasse und die EQS-Limousine mit passender Ausstattung.
Strategische Weichenstellung
Die Wahl von Wayve zeigt, dass Volkswagen bei Fahrassistenz stärker auf KI-basierte Software setzen will. Für den Konzern geht es nicht nur um einzelne Funktionen, sondern um die Fähigkeit, Fahrzeuge über Software deutlich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell die Technik in Serienmodelle einzieht und welche Märkte zuerst bedient werden.
Der Schritt kommt in einer Phase, in der Automobilhersteller ihre Abhängigkeiten in zentralen Zukunftsfeldern neu ordnen. Hardware, Rechenleistung und Software werden immer enger miteinander verzahnt. Für Volkswagen kann die Partnerschaft mit Wayve deshalb über einzelne Assistenzsysteme hinaus Bedeutung haben: Sie betrifft einen Kernbereich künftiger Fahrzeugentwicklung.