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Stündlich aktualisiert

Wirtschaft · Sparkurs bei Volkswagen

VW kündigt Haustarife und verschärft Konflikt

Volkswagen hat einen Großteil seiner Haustarifverträge gekündigt. Betroffen sind rund 130.000 Beschäftigte in Deutschland, Gewerkschaft und Betriebsrat reagieren scharf.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Eine leere Autoproduktion steht für den Tarifkonflikt bei Volkswagen.
Symbolbild: Eine leere Autoproduktion steht für den Tarifkonflikt bei Volkswagen. KI-generiert

Volkswagen hat im Zuge seines Sparprogramms zehn von dreizehn Haustarifverträgen gekündigt und damit den Streit mit IG Metall und Betriebsrat deutlich verschärft. Der Schritt betrifft rund 130.000 Beschäftigte der Volkswagen AG in Deutschland. Die Regelwerke laufen zum 31. Dezember 2026 aus; Änderungen könnten damit ab Anfang 2027 wirksam werden. Betriebsbedingte Kündigungen bleiben durch eine separate Beschäftigungssicherung weiter ausgeschlossen.

Zehn Haustarife betroffen

Zu den gekündigten Vereinbarungen gehören zentrale Tarifwerke für die Belegschaft. Darin werden unter anderem Entgelt, Arbeitszeit, Urlaub, Sonderzahlungen, Eingruppierungen sowie Teile der Ausbildung geregelt. Auch Bestimmungen für Beschäftigte mit Spezialisten- oder Führungsaufgaben zählen dazu. Der Haustarif gilt für die Volkswagen AG in Deutschland, also etwa für Volkswagen Pkw, Volkswagen Nutzfahrzeuge, zentrale Konzernbereiche und die Komponentensparte. Audi und Porsche fallen nicht darunter.

Volkswagen begründet den Schritt mit hohem Kostendruck und einer schwächeren Wettbewerbsposition. Das Unternehmen verweist auf ein schwierigeres wirtschaftliches Umfeld. Personalvorstand Arne Meiswinkel nennt strukturelle Veränderungen in der Autoindustrie; dazu zählt Volkswagen auch den Druck durch preisgünstige Anbieter aus China. Der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume hat vom Aufsichtsrat den Auftrag, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen.

Die Kündigung bedeutet nicht automatisch, dass alle bisherigen Regeln sofort verschwinden. Entscheidend werden die kommenden Verhandlungen. Viele Tarifnormen wirken nach, bis neue Vereinbarungen getroffen werden. Gleichzeitig schafft die Kündigung Spielraum für Einschnitte, über deren Umfang noch gestritten wird.

Gewerkschaft spricht von Respektlosigkeit

Die Arbeitnehmerseite sieht in dem Vorgehen einen Angriff auf lange erkämpfte Standards. IG-Metall-Verhandlungsführer Thorsten Gröger nannte die Art des Vorgehens im Deutschlandfunk „respektlos gegenüber den eigenen Beschäftigten“. Er warf Volkswagen vor, einen Konflikt auszulösen, der dem Unternehmen schade. Zugleich räumte Gröger ein, dass sich die Rahmenbedingungen durch den chinesischen Markt und die Zollpolitik der USA verändert hätten.

Die IG Metall hält dennoch an ihrer Forderung nach fünf Prozent mehr Geld in der laufenden Tarifrunde fest. Sie verweist auf gestiegene Lebenshaltungskosten der Beschäftigten. Betriebsratschefin Daniela Cavallo erwartet eine harte Auseinandersetzung rund um den Jahreswechsel. Aus Sicht von Gewerkschaft und Betriebsrat will das Management Kostenrisiken auf die Belegschaft verlagern.

Volkswagen verfolgt parallel einen bereits vereinbarten Stellenabbau. Bis 2030 sollen in Deutschland 35.000 Arbeitsplätze sozialverträglich wegfallen, etwa über Altersteilzeit und Abfindungen. Die bis Ende 2030 vereinbarte Beschäftigungssicherung bleibt von der aktuellen Kündigungswelle unberührt. Entlassungen aus betrieblichen Gründen sind damit weiterhin ausgeschlossen.

Streit um Arbeitszeit und Urlaub

Ein besonders sensibles Thema ist die Arbeitszeit. Für die Beschäftigten im VW-Haustarif gilt bislang eine 35-Stunden-Woche. In der Branche wird bereits über längere Arbeitszeiten ohne vollen Lohnausgleich diskutiert. Nach Angaben von tagesschau.de sieht auch das VW-Management längere Arbeitszeiten als mögliche Stellschraube, konkrete Forderungen liegen demnach aber noch nicht vor.

Zusätzlich ist ein Streit über Aussagen von Konzernchef Blume entbrannt. ntv.de berichtete, Blume habe in einem Interview mit The Pioneer als Alternativen zu Lohnkürzungen mehr Wochenarbeitszeit oder weniger freie Tage genannt. Dabei sprach er von 36 Urlaubstagen im Volkswagen-Konzern. Gewerkschaft und Betriebsrat widersprechen. Bei Vollzeit gelten demnach 30 Urlaubstage; zusätzlich können Beschäftigte eine tarifliche Zusatzvergütung unter bestimmten Bedingungen in sechs freie Tage umwandeln.

Die Arbeitnehmervertreter werfen Blume vor, mit solchen Aussagen eine verzerrte Debatte anzustoßen. In einer gemeinsamen Reaktion sprachen IG Metall und Betriebsrat von „wirres Zeug“. Cavallo kritisierte die Äußerungen als blamabel, Gröger sprach von einer bewussten Verdrehung der Lage.

Standortpolitik unter Druck

Der Konflikt fällt in eine Phase, in der Volkswagen seine Kostenbasis stark senken will. Sinkende Renditen, hoher Investitionsbedarf für Elektromobilität und Digitalisierung sowie wachsende Konkurrenz setzen den Konzern unter Druck. Die Kündigung der Haustarife ist deshalb mehr als ein tarifpolitischer Schritt. Sie berührt die Frage, wie Volkswagen seine deutschen Standorte künftig aufstellt und welche Lasten Beschäftigte im Umbau tragen sollen.

Für die Beschäftigten steht viel auf dem Spiel: Arbeitszeit, Einkommen, Sonderleistungen und Perspektiven für Auszubildende können Teil neuer Verhandlungen werden. Für Volkswagen geht es um Einsparungen und Wettbewerbsfähigkeit. Beide Seiten steuern damit auf eine Tarifrunde zu, die weit über einzelne Entgeltfragen hinausreicht.