Wirtschaft · Autobranche unter Druck
VW-Krise erfasst Jobs, Löhne und Zulieferer
Volkswagen verschärft seinen Sparkurs deutlich. Konzernchef Oliver Blume will die Personalkosten um mehr als 5 Milliarden Euro senken, zusätzlich sollen 50.000 Stellen wegfallen, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Zusammen mit früheren Beschlüssen summiert sich der geplante Abbau laut n-tv bis 2030 auf 100.000 Arbeitsplätze. Der Druck reicht inzwischen über VW hinaus: Auch große Zulieferer wie Bosch ordnen ihr Geschäft neu und bauen in Deutschland Personal ab.
Weitere Einschnitte bei Volkswagen
Die neue Sparrunde folgt auf ein Programm, das vor rund zwei Jahren beschlossen wurde. Es sollte die Kostenbasis senken und den Konzern wieder stärker machen. Die erhoffte Wende ist jedoch ausgeblieben. VW steht weiter unter erheblichem Wettbewerbsdruck, vor allem bei den Kosten, der Modellpolitik und der Geschwindigkeit von Innovationen.
Die Arbeitnehmerseite hat den zusätzlichen Stellenabbau nach wochenlangen Auseinandersetzungen im Aufsichtsrat mitgetragen. Damit sind besonders harte Optionen zunächst abgewendet. Vier Werke in Deutschland sollen vorerst nicht geschlossen werden. Auch eine Abspaltung der Marke Volkswagen Pkw aus dem Konzern ist aktuell nicht vorgesehen.
Für die Beschäftigten bedeutet der Kurs trotzdem spürbare Unsicherheit. Neben dem Abbau von Arbeitsplätzen stehen die Bedingungen für jene zur Debatte, die im Konzern bleiben. Blume hat eine längere Arbeitszeit ins Gespräch gebracht. Bereits vereinbart sind Kürzungen bei Bonuszahlungen. Die reguläre Wochenarbeitszeit liegt inzwischen für alle bei 35 Stunden. Früher hatten viele Beschäftigte in der Produktion und in Büros kürzere Arbeitszeiten.
Löhne rücken in den Mittelpunkt
Die Diskussion über die hohen Standortkosten trifft auf einen Haustarif, der in Deutschland zu den großen Tarifwerken zählt. Der Betriebsrat bezifferte gegenüber n-tv die monatlichen Bruttogrundgehälter vieler Produktionsbeschäftigter auf 3.900 bis 4.300 Euro. Bei einem typischen Produktionslohn von gut 4.100 Euro kamen im vergangenen Jahr insgesamt rund 56.000 Euro zusammen, zuzüglich Zuschlägen für Nacht- und Sonntagsarbeit.
Wegen der beschlossenen Bonuskürzungen fällt die Jahressumme 2026 niedriger aus. Der Rückgang liegt demnach bei knapp 1.700 Euro. Der aktuelle Monatswert eines typischen Produktionsbeschäftigten liegt umgerechnet bei gut 4.500 Euro, Sonderzuschläge nicht eingerechnet.
In anderen Bereichen liegen die Entgelte höher. Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger mit Bachelorabschluss starten bei rund 5.300 Euro, mit Masterabschluss bei etwa 5.600 Euro. Meisterinnen und Meister erhalten gut 5.950 Euro, mit zusätzlicher Verantwortung mehr. Erfahrene Fachkräfte, etwa in Entwicklung, Software oder Qualitätssicherung, können im Haustarif bis gut 7.700 Euro erreichen. In Spezialisten- und Führungsfunktionen unterhalb des außertariflichen Managements sind mehr als 8.000 Euro möglich, teils auch über 9.000 Euro.
Die IG Metall sieht die Ursache der Probleme nicht in erster Linie bei den Löhnen. Nach ihrer Darstellung wäre selbst eine massive Absenkung des Haustarifs nur begrenzt wirksam für die Fahrzeugpreise. Entscheidend seien marktfähige Produkte, höhere Innovationsgeschwindigkeit und Investitionen. Für die anstehende Tarifrunde fordert die Gewerkschaft fünf Prozent mehr Geld. Die letzte allgemeine Erhöhung liegt zweieinhalb Jahre zurück.
Zulieferer suchen neue Wege
Die Krise bei Volkswagen fällt in eine Phase, in der auch das Zulieferumfeld stark unter Druck steht. Beim weltgrößten Autozulieferer Bosch läuft ebenfalls ein großer Stellenabbau in Deutschland. Der neue Bosch-Chef Christian Fischer will den Konzern zugleich schneller und breiter aufstellen. Das Handelsblatt berichtet, Fischer wolle neue Wachstumsfelder außerhalb von Autos und Hausgeräten erschließen.
Dazu passt sein Plan, 100 Millionen Euro in deutsche Start-ups zu investieren. Bosch soll damit weniger abhängig von angestammten Geschäftsfeldern werden. Fischer beschreibt den Umbau als tiefgreifenden Eingriff in Strukturen und Entscheidungswege. Der Konzern sucht damit eine Antwort auf schwächere Autokonjunktur, technologische Umbrüche und den Kostenwettbewerb.
Strukturproblem für den Standort
Die Entwicklung bei VW und Bosch zeigt, dass die Krise nicht auf einen einzelnen Hersteller begrenzt ist. Wenn ein Konzern wie Volkswagen Personal abbaut und Kosten senkt, wirkt das auf ganze Regionen, Zulieferketten und Tarifdebatten. Gleichzeitig stehen Unternehmen vor Investitionen in neue Produkte und Technologien.
Für den Industriestandort Deutschland verschärft sich damit der Zielkonflikt. Unternehmen wollen Kosten senken, Beschäftigte wollen Kaufkraft und Sicherheit erhalten, und Zulieferer müssen neue Ertragsquellen finden. Die nächsten Tarifgespräche bei Volkswagen werden deshalb nicht nur über Löhne verhandeln, sondern auch über die Frage, wie viel industrielle Beschäftigung in Deutschland unter den neuen Bedingungen bleibt.